— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Sound It Out

GB 2011. R,K: Jeanie Finlay. S: Barbara Zosel. P: Glimmer Films.
75 Min. Neue Visionen ab 10.5.12

Championship Vinyl

Von Eva Tüttelmann Er ist Refugium und zweite Heimat, Anlaufstelle und letzte Bastion für Liebhaber, Fundgrube für Rares und Gebräuchliches, einzig in seiner Art und dennoch auf der roten Liste des Einzelhandels – und in den Köpfen der meisten längst Geschichte: der Plattenladen. Doch im rauhen, von einst florierender Stahlindustrie geprägten Nordosten Englands hält ein unabhängiger Shop die Fahne hoch: Sound It Out Records trotzt all den Virgin Megastores, HMVs und Amazons, die den Markt überschwemmt und damit viele »Kleine« Kopf und Kragen gekostet haben. Tom, Besitzer und Herzstück des Ladens – und auch des Films –, ist ein wahrer Musikexperte und berät seine Stammkunden, wie es nur ein waschechter Serviceprofi kann: Nicht nur findet er, was sie suchen, er weiß auch genau, was ihnen außerdem gefallen könnte. Wer seine Musik im Netz kauft oder klaut, kann davon nur träumen.

Doch nicht nur die Musik lockt die Leute in Toms Festung der Tradition, es ist das Vinyl, dem viele seiner Kunden hoffnungslos verfallen sind. So auch Dokumentarfilmerin Jeanie Finlay, die nur ein paar Kilometer entfernt aufwuchs und dem letzten Plattenladen in der Gegend mit Sound It Out ein liebevolles Denkmal setzt. Ähnlich wie der Shop ist auch der Film ein Liebhaberprojekt: Finanziert durch die Online-Crowdfunding-Plattform Indiegogo hat sie mit ihrem sehr persönlichen Portrait ihrer Liebe zum Vinyl Ausdruck verliehen und mit sorgsam ausgewählten Protagonisten der Geschichte des Ladens, die auch die Geschichte einer Stadt im wirtschaftlichen Niedergang ist, Leben eingehaucht. Unter ihnen finden sich wahre Jäger und Sammler, die darüber philosophieren, nach welchen Kategorien man eine Plattensammlung sortieren sollte und die sich schmunzelnd eingestehen, daß ihre Suche wohl nie ein Ende haben wird. Hierbei finden sich auch Extreme: Stammkunde Chris zum Beispiel, der ein eigenes Zimmer für »sein Vinyl« hat, hinterlegt jeweils zu Monatsanfang 100 Pfund bei Tom, damit er nicht in Versuchung kommt, sein Budget überzustrapazieren. Oder Shane, ein eher unfreiwilliger Einzelgänger, der eine Firma recherchiert hat, die seine Platten einschmelzen und aus dem Vinyl einen Sarg für ihn herstellen könnte. Für sie alle bedeutet die Musik die Welt; sie ist Freund, Leidenschaft, Lebensretter und unverzichtbare Droge – und Tom ist ihr Dealer.

Der Löwenanteil des Films spielt sich im Laden selbst ab, doch Finlay besucht ihre Protagonisten auch zu Hause und verleiht ihnen so ein privates Gesicht. Schade ist hierbei, daß die Dramaturgie einem starren Muster zu folgen scheint, das manches Mal etwas aufgesetzt wirkt und die Dynamik, die die originellen Charaktere durchaus mitbringen, eher ausbremst. Wunderbar ist, daß wir teilhaben dürfen an Toms Enthusiasmus und Erfolg, an Loyalität und unverwüstlichem Engagement seiner beiden Mitarbeiter, an der eigentümlichen Magie, die seine treuen Kunden verschmitzt lächelnd den Laden verlassen läßt und daß wir ein bißchen verliebt den Blick von der Leinwand wenden. 2012-05-08 15:31

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap