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Das Hochzeitsvideo

D 2012. R: Sönke Wortmann. B: Gernot Gricksch. K: Maher Maleh, Christian Datum. S: Martin Wolf. P: Little Shark Entertainment. D: Lisa Bitter, Marian Kindermann, Martin Aselmann, Lucie Heinze, Stefan Ruppe, Christiane Lemm, Michael Abendroth, Susanne Tremper u.a.
86 Min. Constantin ab 10.5.12

Love, Sex and Videotape

Von Antonia Dedenbach In einem Sprichwort heißt es »Gleiches Blut, gleiches Gut und gleiche Jahre, geben die besten Ehepaare«. Für die Besiegelung einer mittelalterlichen Ehe mag diese Redensart zweifelsohne zwingend gewesen sein; daß der Ausdruck »gleich und gleich gesellt sich gern« jedoch gründlich überdacht werden sollte, findet spätestens seit der fast inflationär gestiegenen Scheidungsrate ein deutliches Signal. Warum also nicht gleich ein ungleiches Pärchen zeigen? Eines, das nach kleinen und großen Tragödien trotzdem vor dem Traualtar landet – denn, und hier kommt die Weisheit des neuen Films von Erfolgsregisseur Sönke Wortmann zum Tragen, Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an und harmonieren vielleicht gerade aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit in der Liebe wunderbar.

Pia und Sebastian sind ein solches Paar. Nach gut drei Monaten Beziehung wollen sie heiraten und beauftragen Freund Daniel damit, ihren Hochzeitscountdown, ihr voreheliches »High Life« ganz im Sinne der postmodernen Reality-TV-Mentalität in »High Definition« auf Video festzuhalten. Daß der Hobby-Filmer dabei bisher vergrabene Geheimnisse zu Tage bringt und den ein oder anderen bei nicht ganz gesetzestreuen Aktionen erwischt, ist am Anfang der Dokumentation noch nicht abzusehen.

Eine nackte Stripperin, Brandmerkmale eines ausgelassenen Junggesellinnenabschieds, einen Porno-Star als Ex-Freund und, nicht zu vergessen, die Verschlüsse einer Blechdose als obligatorische Trauringe – der Sittenbruch und die Verflechtung von sich eigentlich abstoßenden Wertesystemen formt das Universum dieser unterhaltsamen Liebeschronik. Hautnah folgt man den Figuren mit einer entfesselten Kamera, die des öfteren zum Symbol ihrer im wahrsten Sinne des Wortes ins Wanken geratenen Welt wird. Mit unglaublicher Authentizität erfassen die Kameramänner Maher Maleh und Christian Datum die chaotischen, aber auch sensiblen Augenblicke einer Beziehung vor dem Stichtag. Gefühlvoll und leicht voyeuristisch angehaucht, aber mit einer großen Portion Charme und Humor werden sowohl die klaren, als auch die unscharfen Momente eingefangen, in denen jede Kameraperspektive ein Blick in die Gedanken der Protagonisten ist.

Ausgehend von der heutigen »Youtube-Generation« inszeniert Wortmann ein Videotagebuch in teils dialogischer Interviewform, in welchem die Darstellungsobsessionen der modernen Gesellschaft weniger kritisch hinterfragt als viel mehr zu einem atmosphärischen Grundelement der Komposition gemacht werden. Im Licht der kontemporären Internetbesessenheit der medialen Konsumenten, die dank Smartphone so einfach wie nie zuvor zum Produzenten ihrer eigenen Webshow werden können, präsentiert Das Hochzeitsvideo ein Zeichen seiner Zeit. Ein Referenzrahmen ist dabei sichtbar im Super-8-Stil zu finden. Obwohl das mittlerweile schon mehrfach überholte Super-8-Aufnahmeverfahren, genauso wie die Ehe, ein Auslaufmodell zu sein scheint, das nur noch selten mit Erfolg gekrönt ist, beweist Wortmann, daß es funktionieren kann.

Nach seinem Intermezzo auf internationalem Filmterrain (Die Päpstin) und dem Ausflug ins Reich der Fußballmärchen (Das Wunder von Bern; Deutschland – Ein Sommermärchen) kehrt der Pionier der deutschen Gesellschaftskomödie mit diesem Film gewissermaßen zu seinen Anfängen zurück. Gekennzeichnet durch eine unkonventionelle Inszenierungsweise und eine für den Regisseur typische Anti-Prüderie gewinnt Das Hochzeitsvideo vor allem durch das charakterlich hervorragend abgestimmte Spiel der Darsteller an Anspruch. Allesamt Theaterschauspieler und neu im Filmgeschäft hinterlassen besonders Lisa Bitter als offenherzige Braut und Tochter einer Hippie-Mama sowie Marian Kindermann als Bräutigam und Sohn einer adligen »von-und-zu«–Sippe einen positiven Eindruck. Die Kollision der Elternhäuser, freie Liebe trifft auf Spießertum, ist absolut sehenswert und hebt den Film trotz manch klischeehafter Figurenzeichnung über das Prädikat »befriedigend« hinaus.

Mit lässiger Dynamik und auf erfrischend innovative Weise zeigt Das Hochzeitsvideo, daß es nichts Neues, Altes, oder Blaues (geschweige denn Blaublütiges) braucht, um sich vor Gott zu trauen. Es braucht weder gleiches Blut noch gleiches Gut – viel eher Kompromißbereitschaft, einen Schuß Humor und ein Herz voll Liebe – dann kommen die besten Jahre schon von ganz alleine. 2012-05-08 14:39
© 2012, Schnitt Online

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