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Aurora

RO/F/CH/D 2010. R,B,D: Cristi Puiu. K: Viorel Sergovici. S: Ion Ioachim Stroe. P: Mandragora, Société Parisienne de Production, Bord Cadre Films. D:  Clara Voda, Valeria Seciu, Luminita Gheorghiu, Catrinel Dumitrescu, Gelu Colceag, Valentin Popescu, Ileana Puiu, Gheorghe Ifrim u.a.
181 Min. debese.film ab 29.3.12

Realitätszwänge

Von Moritz Pfeifer In Cristi Puius neuem Film Aurora irrt ein Ingenieur mittleren Alters 36 Stunden lang durch Bukarest und tötet vier Menschen, bevor er sich am Ende der Polizei ausliefert. Viorel, der Mörder, wird vom Regisseur selbst gespielt. Die Gedanken eines Mörders sind schwer zu begreifen, so der Regisseur, und was man nicht begreifen kann, kann man auch niemandem sonst, einem Schauspieler zum Beispiel, begreiflich machen. Welche Rolle hier der Zuschauer spielen soll scheint für Puiu eher Nebensache. Und in der Tat ist der Film alles andere als zugänglich. Puiu ist ein radikaler Realist. Dialoge zur Vermittlung von Hintergrundinformation, handlungsorientierte Erzählweise, Make-Up, künstliche Beleuchtung (wenn es in Puius Film, der, wie der Titel verrät, hauptsächlich im Morgengrauen spielt, dunkel ist, dann ist es dunkel) und Musik, finden in Aurora wenig Platz. Wenn es nach Puiu ginge, dann wäre sein Film wahrscheinlich 36 Stunden lang. Im Gegensatz zu seiner Figur Viorel kann sich der Regisseur aber auf Kompromisse einlassen: drei Stunden tun es auch.

Ungefähr nachdem die Hälfte des Films verstrichen ist, begeht Viorel den ersten Mord. Davor und danach sieht man ihn meistens allein in seiner neuen Wohnung, im Auto, auf der Straße. Man beobachtet ihn als handele es sich um eine Studie, man versucht zu verstehen was passiert, welche Intentionen hinter seinem Tun stehen, aber es fehlen die nötigen Indizien. Die Eifersuchtsgeschichte, die Viorel am Ende der Polizei verrät, trägt eher zur Ungewissheit bei, als daß sich in ihr klare Motive offenbaren. Die Opfer waren Schwiegermutter, Ex-Frau, ihr neuer Freund und eine Unbekannte, ein klassischer »crime passionel«, aber Viorel fehlt die Passion. Mord im Affekt geht an Viorels desinteressiertem Kalkül vorbei.

Um was geht es in Aurora? Wahrscheinlich versteht man Viorel am besten wenn man von der Ratlosigkeit ausgeht, die der Film vermittelt. Viorel ist selbst verunsichert. Sein Problem ist, daß er sich die Welt nach einem System zurechtgelegt hat, in dem er sich nicht mehr wiederfindet. In seinen Erwartungen an die Realität der Welt ist Viorel so exakt wie sein Schöpfer. Doch der Realitätszwang wird ihm zum Verhängnis.

Viorel ist eine Art Lügendetektor. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Heucheleien seiner Mitmenschen zu entblößen. Am deutlichsten zeigt sich dieser Zwang in Viorels Mißtrauen gegenüber dem Gesagten. Er ist fast krankhaft auf der Suche die Widersprüche in der Unterscheidung von Sprechen und Meinen, und Sprechen und Tun zu finden. Seine eigene Sprache aber ist so systematisch, daß die Doppeldeutigkeit von Suggestion und Intention in ihr verloren geht.

Wer so denkt wie Viorel wird möglicherweise schneller zum Mörder als jemand dem das Fehlen an Systematik der Realität nicht bedroht. Puius Film ist aber mehr als eine Charakterstudie. Wer andere Filme aus Rumänien der letzten zehn Jahre kennt, dem mag aufgefallen sein, daß in fast allen Filmen die Unstimmigkeiten zwischen der Realität und dem Auftreten der Realität in der Sprache Thema ist. Am berühmtesten bleibt wohl die letzte Szene aus Poromboius Police, Adjectective. Hier versucht ein Polizeipräsident einem Beamtenkollegen zu vermitteln, daß dieser seine Arbeit nicht korrekt macht. Das versucht er zu beweisen, in dem er dem Beamten Definitionen aus einem Wörterbuch nachschlagen läßt, unter anderem »Gewissen«, »Moral«, »Polizei«. Das Paradox ist natürlich, das die Definition von »Gewissen« so etwas bedeutet wie »die Fähigkeit das Tun in der Welt zu bewerten«, was dem Polizeipräsident natürlich abhanden kommt, wenn er sein Gewissen nach den Definitionen im Wörterbuch richtet.

In Aurora treibt Puiu die Realitätsfrage, die ihm und seinen Kollegen so viel bedeutet, auf die Spitze. Der Glaube an die Wahrheit der Sprache verursacht in Aurora nicht nur Psychoterror, sondern hat lebensbedrohliche Konsequenzen. Puiu geht sogar noch einen Schritt weiter. Sein Film weist darauf hin, daß der überrealistische Stil, den er und seine Zeitgenossen in Rumänien geprägt haben, möglicherweise nicht zu trennen ist von dem Realitätszwang von Figuren wie Viorel. 2012-05-02 22:27
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