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Medianeras

RA/D/E 2011. R,B: Gustavo Taretto. K: Leandro Martínez. S: Pablo Mari, Rosario Suarez. M: Gabriel Chwojnik. P: Rizoma Films, Eddie Saeta. D: Pilar López de Ayala, Javier Drolas, Inés Efrón, Carla Peterson, Rafael Ferro, Adrián Navarro, Jorge Lanata, Alan Pauls u.a.
93 Min. RealFiction ab 3.5.12

Die Einsamkeit der Städter

Von Tobias Radlinger Von dem vielen, was es gibt, zeigt sich das meiste in den Städten. Unsere Millionenmetropolen sind Glas und Stahl gewordene Müllhalden einer erklärtermaßen wachstumsgeilen Kultur. So eine Stadt verleugnet uns, auch wenn wir das nicht wollen; sie kennt nur die Masse, den Überfluß, ein riesiges Dazwischen, Neben- und Durcheinander, die unablässige Vermehrung von Dingen und Menschen, in deren Fülle sich das einzelne verflüchtigt. Schon Georg Simmel hat in seinem 1903 erschienenen Aufsatz »Die Großstädte und das Geistesleben« das vom urbanen Umfeld genährte individuelle Bestreben des »Andersseins« und »Sich-Heraushebens« als Zeichen der Auflehnung gedeutet. Wer unter vielem lebt, erlischt.

Nicht umsonst hat Gustavo Taretto in seinem Spielfilmdebüt Medianeras das große Wimmelbilderbuch »Wo ist Walter?« als Leitmetapher für die globalen Auswüchse stetiger Vermassung und urbaner Einsamkeit gewählt. Der in Buenos Aires lebenden Mariana (Pilar López de Ayala) führt dieses Buch stets auf drastische Weise vor Augen, nur ein Mensch unter vielen zu sein. Seit sie es erstmals aufgeschlagen hat, fürchtet sie Menschenansammlungen, und ein kleines Rätsel bleibt: Sie hat Walter am Flughafen, im Supermarkt und am Strand entdeckt, aber nicht in der Stadt – wie kann sie, fragt sich Mariana, wenn sie nicht einmal den ihr vertrauten Walter findet, jemals einen Menschen finden, den sie gar nicht kennt?

Auch Martín (Javier Drolas) leidet an der Metropole; er ist Phobiker und lebt zurückgezogen in einer finsteren Einzimmerwohnung, Mariana direkt gegenüber. Die beiden sind sich oft begegnet, ohne Kenntnis voneinander, obschon sie füreinander bestimmt sind – ein Mann und eine Frau, denen der tägliche Hürdenlauf im Großstadtdschungel und die erdrückende Fülle von Lebensmöglichkeiten ein dauerhaft angstfreies Leben verleiden. Ihre Geschichte erzählt Medianeras – die Geschichte einer verfehlten Begegnung.

Gustavo Taretto gelingt eine so erfrischende wie tragikomische Schilderung dieses Großstadtmolochs, indem er gerade das »Dazwischen« als dessen Strukturmerkmal ausweist und variationsreich in seine Erzählung integriert. Dabei verwahrt er sich weder gegen moderne Großstadtromantik noch gegen themengerecht aufbereitete, heiter bis bissig vorgetragene Zivilisationskritik, die niemals isoliert erscheint, sondern die Figurenentwicklung stets vorantreibt oder konterkariert. Dieses »Dazwischen« ist hier im wörtlichen Sinne als Medium zu verstehen, als das Menschen Verbindende und zugleich Trennende: Nichts anderes leistet das Internet, das zwischenmenschliche Kontakte sowohl herzustellen als auch zu sabotieren weiß, wie Martín in einem Off-Monolog treffend bemerkt. Er weiß, wovon er spricht, verbringt er doch die meiste Zeit vor dem Computer – Musik, Filme, Lebensmittel, Sex, all das holt er sich im Netz und versäumt darüber Wirklichkeitserfahrungen jenseits des Cyberspace. Sein tumbes Städterleben hat Martín schlechterdings in die Netzwelten verlagert, wo seine Einsamkeit sich potenziert; schließlich kann er sich gar nicht mehr fühlen. Selbst das urbane Einerlei versinkt da im großmächtigen globalen Medialitätsgeraune, irgendwo zwischen Ballerspielen und sozialen Netzwerken.

Medianeras, das heißt wörtlich übersetzt: Trennwände – nicht nur jene imaginären, mannshoch zwischen den Figuren aufragenden Lebensbarrieren, es sind auch die in Buenos Aires häufig vorkommenden, oft kunstvoll verzierten und plakatierten Brandmauern, die Mariana und Martín an einer Stelle des Films nahezu unabhängig voneinander durchbrechen: Dahinter steht auch die sprichwörtliche Sehnsucht, Wände einzureißen, die in Beton erstarrte Welt nicht einfach hinzunehmen, sondern zu formen, zu verschönern – in ihre Wohnungen dringt wieder Licht, flutet Leben durch ein neu geschaffenes Fenster, das auch ein Fenster zur Welt ist.

Medianeras ist ein Film, der die massenmedial gestifteten Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des menschlichen Zusammenfindens im Massenmedium Film noch einmal reflektiert. Schließlich braucht es die titelgebenden Trennwände, die mediale Brechung, die Mittelbarkeit, damit sie sich am Ende kriegen – da erspäht Mariana mehr zufällig den wie die Comicbuchfigur Walter angezogenen Martín auf der Straße: Erst durch die Wiedererkennung des Fiktiven in der Realität öffnet sich ihr das Großstadtgewimmel zu ihrem fast verwehrten Glück. Und auch das muß wiederum medial reinszeniert und gefeiert werden mit einem selbst gedrehten Youtube-Video. 2012-05-02 13:03
© 2012, Schnitt Online

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