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Und wenn wir alle zusammenziehen?

Et si on vivait tous ensemble? F/D 2011. R,B: Stéphane Robelin. K: Dominique Colin. S: Patrick Wilfert. M: Jean-Philippe Verdin. P: Manny Films, Les Films de la Butte. D: Jane Fonda, Daniel Brühl, Pierre Richard, Geraldine Chaplin, Claude Rich, Guy Bedos, Bernard Malaka, Camino Texeira u.a.
96 Min. Pandora ab 5.4.12

Forever young

Von Arezou Khoschnam Ab wann ist man alt? Vielleicht mit 60, 70 oder erst ab 80? Was bedeutet überhaupt alt? Daß man altmodische Ansichten hat und sich mit der neuesten Technologie nicht auskennt oder reichen Falten aus, um zum alten Eisen zu zählen? Es ist bekannt, daß die älteren Generationen oft allzu schnell in ein Altersheim gesteckt werden sobald sich erste Gebrechen bemerkbar machen, weil es angeblich das Vernünftigste sei. Zumindest ist das in der westlichen Welt Usus. In südeuropäischen Ländern und orientalisch geprägten Regionen hingegen leben die älteren Generationen mit den jüngeren oft unter einem Dach, bis die älteren eben nicht mehr sind. Neben diesen beiden Modellen gibt es noch eine andere Alternative, die nicht nur im wahren Leben innovativ ist – auch auf der Leinwand wurde sie so noch nicht oft durchgespielt: In der französischen Tragikomödie Und wenn wir alle zusammenziehen bilden fünf befreundete Senioren eine Wohngemeinschaft. So hat jeder ein Auge auf den anderen. Das erinnert ein wenig an die drei Musketiere, um so mehr, als die Protagonisten ebenfalls kämpfen müssen, dafür, daß sie auch im höheren Alter selbst über ihr Leben bestimmen dürfen.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin vereint zwei verheiratete Paare und einen verwitweten Draufgänger unter einem Dach und erzählt damit die Geschichte einer Rebellion. Ihre besorgten und vielbeschäftigten Kinder sähen sie nämlich am liebsten im Altersheim. Von dort retten Annie und Jean, und Jeanne und Albert den nach einem Herzanfall eingelieferten und stets mit einer Kamera auf geeignete Motive lauernden Busenfetischisten Claude, indem sie sich wie Kinder, die einen Streich aushecken, am Heimpersonal vorbeischleichen. Denn Alter schützt vor Lebenslust und Widerstand nicht. Letzteren hat auch Jean keineswegs verloren, setzt der politische Aktivist sich doch noch immer lautstark mit einem Megaphon gegen die Abschiebung illegaler Immigranten ein. Robelin zeichnet in dieser Szene eine ebenso offensichtliche wie effektive Metapher. Genauso wie den Immigranten droht den betagteren Semestern eine Abschiebung: in ihrem Fall ins Seniorenheim und somit ins soziale Abseits. Und genauso wie Jean die Einwanderer zu retten versucht, könnten die Jungen ihre Eltern und Großeltern unterstützen. Ein Wunschbild des Regisseurs, so möchte man meinen. Stattdessen übernehmen sie – diktiert vom gesellschaftlichen Konsens – die Rolle des Vormundes und meinen zu wissen, was am besten für ihre Eltern sei und das sei ganz bestimmt keine Senioren-WG.

Eine Ausnahme unter den Jüngeren stellt der angehende Doktorand Dirk dar, gespielt von Daniel Brühl, denn er hört zu, statt vorzuschreiben. Angestellt als Hundesitter für den immer vergesslicher werdenden Albert, wird er schnell zu einem wichtigen Bestandteil der vitalen Truppe. Die ehemalige Philosophieprofessorin Jeanne lässt ihn von ihrem reichen Erfahrungsschatz profitieren. Sie berät ihn nicht nur bezüglich seiner Doktorarbeit sondern auch in Liebesdingen. Gleichzeitig klärt sie ihn auf, dass die Libido auch in fortgeschrittenem Alter existent bleibt. Über Sex im Alter zu sprechen ist nach wie vor ein Tabu, geschweige denn die Bebilderung derselben. Robelin bricht mit den gängigen Konventionen: Er läßt seine unverklemmten Charaktere nicht nur über Sex parlieren, sondern setzt ihn visuell in Szene, so offen wie nötig und dabei doch so subtil wie möglich.

Die Probleme des Alters und die Angst vor dem Tod werden nicht ausgeblendet, ganz im Gegenteil. Sie sind ständige Begleiter der Figuren. Es ist der Umgang mit diesen Problemen, der hier im Fokus steht, durch die Betroffen, durch deren Angehörige und durch die Gesellschaft. Robelin erhebt die Freundschaft zu einer lebenslangen Währung, auf die man sich verlassen kann und der Nichtigkeiten wie etwa Eifersüchteleien auf Dauer nichts anhaben können.

Wenngleich die Handlung etwas ungelenk und orientierungslos startet und dramaturgisch nicht einwandfrei aufgebaut ist, überzeugt der Film durch seine hervorragenden Hauptdarsteller. Es ist das Spiel erfahrener Mimen, die uns mit nur einem Blick oder einer Geste eine Geschichte erzählen können. Die nach wie vor sehr attraktive Jane Fonda bezaubert mit perfektem Französisch (so auch Brühl) in der Rolle der junggeblieben Jeanne und der mittlerweile weißhaarige große Blonde mit den Locken, Pierre Richard, rührt uns als Albert zu Tränen, um hier lediglich die herausragendsten Leistungen zu erwähnen.

Robelin kreiert ein wohliges Gleichgewicht aus ernsthaften und humorvollen Szenen und verliert dabei nie den Respekt vor seinen Figuren. Er läßt sie herumalbern, ohne daß sie lächerlich wirken, er läßt sie gefühlvoll werden, ohne daß sie sentimental erscheinen. Mit seinem zweiten Spielfilm liefert der junge Filmemacher ein Plädoyer für Freundschaft und Gemeinschaftssinn und fordert die Zuschauer auf, mehr Sensibilität für ihre älteren Mitmenschen zu entwickeln. Und wenn wir nicht alle zusammen ins Kino gehen? 2012-04-17 14:43
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