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Chronicle – Wozu bist du fähig?

Chronicle. GB/USA 2012. R: Joshua Trank. B: Max Landis. K: Matthew Jensen. S: Elliot Greenberg. M: Lior Ron. P: Adam Schroeder Productions, Davis Entertainment. D: Dane DeHaan, Alex Russell, Michael B. Jordan, Michael Kelly, Ashley Hinshaw, Bo Petersen, Anna Wood u.a.
84 Min. Fox ab 19.4.12

Superkraft im Supermarkt

Von Nicole Ribbecke Bin ich eine Kamera und wenn ja, wie viele? Du bist eine Handkamera, mit der Jugendliche zu unterschiedlichen Zwecken ihr Treiben dokumentieren; du bist eine Überwachungskamera, auf die Tankstellenkasse gerichtet oder auf den genesenden Straftäter im Krankenhaus; du bist die Handykamera eines Schaulustigen, die Digitalkamera eines Touristen und in den Lichtkegeln der Suchscheinwerfer von Hubschraubern bist du gleich mehrere Kameras, die den Flüchtigen verfolgen.

Chronicle therapiert mit all den genannten Antworten und kommt mit Found Footage im Übermaß daher, doch jenseits der verschiedenen Authentizitätsstrategien dieses Genres. Wo Blair Witch Project Authentizität vorspiegelt, versucht Chronicle dies gar nicht erst. Nach Cloverfieldscher Manier wird sozusagen ganz aufrichtig Fake-Found-Footage präsentiert, nur besser. Zum Einsatz kommt, den wundersamen Geschehnissen geschuldet, eine durch Telekinese gesteuerte Kamera, die schon mal das für manch einen störende Gewackel abstellt, was bewundernswerterweise nicht auf Kosten der gewünschten Unbehaglichkeit geht. Auch wird die Funktion der Kamera, die sie im Film für den sie bedienenden, unterprivilegierten Außenseiter einnimmt, nicht unterminiert. Das Aufnahmegerät stellt sich zwischen ihn und die drohende Umwelt, befähigt ihn jedoch gleichzeitig zu deren vollkommener Appropriation: »I’m filming now. Filming everything.« Der subjektive Blick der von Hand geführten Kamera wird zur teils omnipotenten Sicht, ohne den Point-of-View-Shot des Aufnehmenden gänzlich aufzugeben. Dem Zuschauer bleibt die erkenntnistheoretische Verwirrung sowie spekulative Freiheit, der Protagonist gewinnt scheinbare Allmacht, parallel zu der nie lächerlich wirkenden Teenies-bekommen-Superkräfte- Thematik. Die Kamera ist folgerichtig im Besitz des Sonderlings und vollzieht gleichsam mit ihm die anmaßende Metamorphose zum höchsten Glied der Nahrungskette, zum »apex predator«.

All diejenigen, die sich selbstzerstörerisch durch alle drei Staffeln von In Treatment gegeißelt haben, und diese Autorin ist eine von ihnen, können sich in der Rolle dieses selbsternannten Alphatiers auf ein Wiedersehen mit Dane DeHaan freuen, der auch hier empfindsamer als River Phoenix und instinktiver als der junge Leonardo di Caprio die Leinwand einnimmt und fast ein wenig unterfordert in deren Fußstapfen tritt. In der Rolle eines im Hermetismus von kranker Mutter und schlagendem Vater Gefangenen wird er leider in ein allzu konstruiertes Klischee gepreßt.

Der quälenden Selbstüberhöhung seiner Figur geht die prozeßhafte Abenteuergeschichte voran. In dieser wird durch kurze Sprünge der Bewegungen im Bild die unsichere Nervosität eines werbenden Teenagers durchlitten, dann wieder jagen diese, gepaart mit punktgenauen Soundeffekten, wahre Schauer über den Rücken. Mal wird herzlich gelacht, mal sich schockiert in den Kinosessel gedrückt. Doch letztendlich entläßt Chronicle einen, und hier trifft das Wort ganz einfach zu, zufrieden aus dem Kinosaal. 2012-04-17 14:07

Abdruck

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