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Die Königin und der Leibarzt

En Kongelig Affære. DK/CZ/S/D 2012. R,B: Nikolaj Arcel. B: Rasmus Heisterberg. K: Rasmus Videbaek. S: Mikkel E.G. Nielsen, Kasper Leick. M: Gabriel Yared. P: Zentropa Entertainments, Trollhättan u. a. D: Mads Mikkelsen, Mikkel Følsgaard, Alicia Vikander, David Dencik u.a.
130 Min. MFA ab 19.4.12

Durch offene Türen

Von Robert Cherkowski Gegen den dänischen König Christian VII. wirkt selbst der schlagkräftige Welfe Ernst August wie Schwiegermutters Liebling. Von manisch-depressiven Schüben geplagt, fristet der verhaltensgestörte Sex-Maniac zu Hofe einen dekadenten Playboy-Lifestyle, schikaniert aus schierer Langeweile seine Untergebenen und auch die neue Gattin Caroline Mathilde. Als die royalen Spleens dem königlichen Beraterstab zu bunt werden, wird der deutsche Arzt Struensee (stattlich: Mads Mikkelsen) an den Hof bestellt. Dieser ist selbst ein Hallodri vor dem Herren und beginnt bald schon eine Affäre mit der Königin. Wie Caroline ist auch Struensee ein Verfechter aufklärerischer Ideale und nutzt seinen Einfluß beim irren Blaublüter für freiheitliche Reformen. Das ruft Feinde auf den Plan und der Henker schärft schon mal das Beil.

Wenn nicht gerade versucht wird, mittels einer formelhaft umgesetzten Love-Story emotionale Fallhöhe herzustellen, erinnert Nikolaj Arcels Historienreigen an jene Filme, die faule Geschichtslehrer ihren Schülern gern in müßigen Doppelstunden gezeigt haben. Überraschungen bleiben dabei über weite Strecken aus. Die meiste Zeit wird durch museale Kulissen flaniert, einander sehnsüchtig angeschwärmt oder über Wiesen geritten. Nie wird die Vergangenheit plastisch und nie stellt sich das Gefühl ein, daß die Geschehnisse von 1766 dem Zuschauer im Jahre 2012 noch irgendetwas zu sagen hätten. Stattdessen werden sperrangelweit offenstehende Türen eingerannt und Themen so lange verflacht, bis sie auf einen Bierdeckel passen: Aufklärung, gut – skrupellose Machtintrigen, schlecht. Schön, daß darüber noch mal gesprochen wurde.

Über diese Plumpheiten ließe sich hinwegsehen, wenn Arcels Kostümschinken zumindest zu fesseln wüßte. Obwohl Mikkelsen den Film kraft seiner Präsenz zu tragen versteht und selbst dann noch die Leinwand dominiert, wenn er sich in der dritten Reihe links räuspert, erstarrt um ihn herum alles in nobler Steifheit. Warum statt seiner der etwas planlos aufspielende Boe Folsgaard mit dem Silbernen Bären als Darsteller ausgezeichnet wurde, bleibt die einzige Frage, die man aus dem Kinosaal herausträgt und die noch beschäftigt, wenn der Film längst vergessen ist. 2012-04-17 13:39

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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