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Traumfabrik Kabul

D/AFG 2011. R,B: Sebastian Heidinger. K: Alexander Gheorghiu. S: Alexander Fuchs. P: Boekamp & Kriegsheim.
83 Min. Arsenal Institut 19.4.12

Saba Superhero

Von Tamar Baumgarten-Noort Ein Dokumentarfilm über den Alltag einer unbekannten Filmemacherin – das klingt zunächst nach einer kleinen, ziemlich persönlichen Geschichte. Es sei denn, die portraitierte junge Frau lebt in einem Land, in dem weder Kino noch Frauen eine große Rolle spielen: in Afghanistan. Saba Sahar ist nicht nur Regisseurin, sondern auch Produzentin und Schauspielerin – und hat dazu noch einen Erstberuf, der ebenso ungewöhnlich ist in ihrem Heimatland, sie ist Polizistin. Zumindest in Kabul hat sie es schon zu Starstatus gebracht: Die DVDs ihrer Filme erzielen dort auf dem Schwarzmarkt höhere Preise als so mancher Hollywood-Blockbuster.

Traumfabrik Kabul begleitet Saba Sahar bei ihren Bemühungen, ihre Filme zu finanzieren, zu realisieren und ein mobiles Kino am Leben zu erhalten. Ihr geht es aber nicht in erster Linie um das afghanische Kino oder die Filmkunst – Sahar hat eine politische Botschaft. Sie weiß genau, wie mächtig das Medium ist, und nutzt das geschickt aus. In ihren Filmen werden Frauen oft zu Superhelden, es sind kleine, sehr leicht verständliche Geschichten, die meist die Stellung der Frau in der afghanischen Gesellschaft thematisieren und einfache Lösungen bieten. Das Plakative ist Programm: In einem Land, in dem 90 Prozent der Frauen und die Hälfte der Männer Analphabeten sind, bieten visuelle Medien eine gute Möglichkeit, die Menschen zu erreichen.

Traumfabrik Kabul, das Portrait der Regisseurin, lebt indes eher von Momenten der stillen Beobachtung, in denen Wut und Leid über mißglückte Projekte, aber auch kleine Freuden des Alltags ungefiltert an die Oberfläche gelangen und ein sehr persönliches Bild der Protagonistin zeichnen. Dazu zeigt Traumfabrik Kabul Ausschnitte aus Sahars eigenen Filmen. Das ermöglicht erst den differenzierten Blick auf die Afghanin, die auf der Suche nach Geldgebern für ihre Projekte mit dem Verhaltenskodex ihres Landes taktiert – sie verhält sich so weit angepaßt, wie es von ihr als Frau erwartet wird – und gleichzeitig in ihren Filmen behende die Regeln des Zusammenlebens aushebelt. Ihre Filme machen klar: Afghanische Frauen haben genug gelitten; es ist an der Zeit, daß sie ihre Rechte einfordern. Sahar verzweifelt gelegentlich an ihrer frauenfeindlichen Heimat. Aber sie möchte ihr Land nicht verlassen, sie will es verändern. Dafür hat sie sich allerdings eine Branche ausgesucht, die selbst ums Überleben kämpft.

Die Menschen gewöhnen sich gerade erst wieder an bewegte Bilder – zu Zeiten der Taliban war das Kino schlicht verboten. Gerade mal an die 50 Spielfilmproduktionen sind bislang in Afghanistan entstanden, und etliche der Stars, die das nationale Afghan Film Institut auflistet, sind längst ausgewandert. Auf ihrer Suche nach potentiellen Geldgebern für ihre Filme bekommt Saba Sahar oft zu hören, für Kultur sei kein Geld da – weil es dringlicher sei, in Sicherheit zu investieren. Die vermeintlich kleine Geschichte über eine unbekannte Filmemacherin dehnt sich aus zu einem eindringlichen Stimmungsbild der afghanischen Gesellschaft. 2012-04-16 13:51

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