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My Week with Marilyn

GB 2011. R: Simon Curtis. B: Adrian Hodges. K: Ben Smithard. S: Adam Recht. M: Conrad Pope. P: BBC Films, Lipsync Productions, Trademark Films, UK Film Council u. a. D: Michelle Williams, Eddie Redmayne, Kenneth Branagh, Julia Ormond, Dougray Scott, Dame Judi Dench, Dominic Cooper, Emma Watson u.a.
99 Min. Ascot Elite ab 19.4.12

Arbeit an der Ikone

Von Esther Buss Marilyn Monroe ist eine Superikone, ein bloßes Zeichen – ähnlich wie Mickey Mouse, Coca Cola und der Marlboro Man. Allerdings sind Ikonen, selbst wenn sie unsterblich sind, ähnlich schwer wiederzubeleben wie Tote. Das Hollywoodkino kann dennoch nicht genug davon kriegen; was einmal im (populär-)kulturellen Gedächtnis eingefroren ist, kann schließlich nicht mehr schlecht werden – My Week with Marilyn heißt der aktuelle Wiederbelebungsversuch.

Die Ausgangsidee klingt gar nicht verkehrt. Kein klassisches Biopic, also der Verzicht auf eine biographische Nacherzählung von A bis Z mit ihrer vorhersehbaren Dramaturgie von Aufstieg und Fall. Stattdessen ein begrenzter Ausschnitt: eine Woche während der Dreharbeiten zu The Prince and the Showgirl im Jahr 1957, jener unter der Regie von Sir Laurence Olivier gedrehte Film, der dem britischen Regisseur und Schauspieler Publicity und Glamour schenken sollte und dem Hollywoodstar Marilyn Monroe die Anerkennung als ernstzunehmende Schauspielerin. Erzählt wird das alles aus der Perspektive eines grünschnabeligen jungen Mannes, Colin Clark – seinerzeit dritter Produktionsassistent bei The Prince and the Showgirl, außerdem Vertrauter Monroes und Kuschelfreund, zumindest wenn man seinen tagebuchartigen Memoiren Glauben schenken mag, die er mit etwas zeitlichem Abstand in zwei verschiedenen Versionen geschrieben hat. Einmal als Insiderbericht einer von Kommunikationsproblemen und gegenseitigen Ressentiments bestimmten Produktion, das andere Mal als intimes Geständnis.

My Week with Marilyn ist schließlich ein Mischmasch aus beiden Versionen und on top gibt es dann noch allerhand Biographisches: der fehlende Vater, die kranke Mutter, die Ehe mit Miller, das Image als Dummchen bei gleichzeitigen intellektuellen Interessen – James Joyce’ »Ulysses « ist gleich mehrfach prominent auf dem Nachttisch plaziert. Mit dem Kalkül, sämtliche Ansprüche gleichzeitig bedienen zu wollen – Komödie, Musical, Coming-of- Age-Verliebtheitsgeschichte, Starportrait –, schlingert My Week with Marilyn unter der Regie von Simon Curtis ebenso kompromißwillig wie hausbacken zwischen Tonarten und Genres. Selbst aus dem Zusammentreffen zweier so gegensätzlicher Figuren wie dem Pedanten Olivier und der notorischen Zuspätkommerin Monroe vermag der Film keine rechten Funken zu schlagen, auch wenn er eine Kollision nach der anderen auffährt: britische Arbeitsdisziplin gegen kapriziöses Divengetue, äußerliches Spiel gegen Method Acting, Intellekt gegen Sinnlichkeit und Instinkt, steifer British Accent gegen erotisierenden Singsang. Die auf Komödie getrimmten Making-of-Szenen verhalten sich zum Rest des Films fast wieder belebend, vor allem im Vergleich zu der trantütigen Episode zwischen Clark und Monroe, die den Hauptteil des Films einnimmt. Als Geschichte einer scheuen Liebe taugt My Week with Marilyn kaum; von erotischer Spannung zwischen dem Star und dem Assistenten ist nicht viel zu spüren, und alles andere – die fürsorgliche Seite Clarks, sein angebliches Eingeweihtsein in die Geheimnisse ihrer Psyche – ist so bieder und verklemmt erzählt wie manches Backfischdrama aus den 1950er Jahren. Im Grunde eröffnet auch Clarks Sicht keine neue Perspektive auf Monroe; vielmehr ist er die Instanz, die all die bekannten Klischees – das einsame Mädchen, das barfußlaufende Naturwesen, die Neurotikerin etc. – ein weiteres Mal aufwärmt, nun unter dem Deckmantel »eigener« Erfahrungen. So reiht sich My Week with Marilyn wieder ein in die allerkonventionellste Ausformung des Biopic-Genres mit seiner stumpfen Abhandlung biographischen Materials. Michelle Williams macht ihre Sache nicht schlecht, aber sie tut eben auch nicht mehr als das, was in dem enggesteckten Rahmen erwünscht ist: die Imitation von Bildern, die wir bereits kennen. Ein Verhältnis zu diesen Bildern gibt es in Curtis’ leblosem Stück Fernsehfilmkino hingegen nicht. 2012-04-16 13:15

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