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Nathalie küsst

La délicatesse. F 2011. R,B: David Foenkinos. K: Rémy Chevrin. S: Virginie Bruant. M: Emilie Simon. P: 2.4.7 Films, StudioCanal, France 2 Cinéma. D: Audrey Tautou, François Damiens, Bruno Todeschini, Mélanie Bernier, Joséphine de Meaux, Pio Marmaï, Monique Chaumette u.a.
108 Min. Concorde ab 12.4.12

Delikates aus Frankreich

Von Dominik Bühler Die Beine einer Frau, die Straßen von Paris, eine Begegnung im Café, große Liebe, großes Glück und dann ein Unfall. Für das, was hier schnell erzählt ist, läßt sich der Film viel Zeit. Es wird kräftig romantisiert und idealisiert, nur um die Protagonistin Nathalie um so tiefer fallen zu lassen und in einem Zustand von anhaltender Trauer in die eigentliche Geschichte zu schicken. Sie hat ihre große Liebe verloren und vergräbt sich in Arbeit, bis sie eines Tages aus heiterem Himmel einen Mitarbeiter küßt – ein wunderbar unmotivierter Moment, der ganz ohne psychologische Erklärungen auskommt. Diese Begegnung der schönen, erfolgreichen Abteilungsleiterin mit dem wenig attraktiven Untergebenen, und was sich daraus entwickelt, ist der Kern der Erzählung, die nach der melodramatisch überhöhten Exposition überraschend feinfühlig und zurückhaltend agiert. Der Konflikt wird weniger plakativ ausgeschlachtet als man erwarten könnte. Sicherlich befindet man sich hier bisweilen auf dem Terrain der Komödie, aber die Figuren werden ernstgenommen. Es gelingen berührende Szenen, und die auftauchenden Probleme – das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Selbstbilder, die Erwartungen an einen (un)passenden Partner, die Reaktionen des Umfelds auf eine oberflächlich ungleiche Beziehung – werden dank der differenzierten Figurenzeichnung glaubwürdig durchgespielt. Die Nebenfiguren, deren Meinungen und Gefühle en passant eine große Rolle spielen, aber nicht vollends auserzählt wirken, verleihen dem Film zuweilen einige Tiefe.

Spürbar eine Literaturverfilmung, wird auf vermeidbare Erzählstimmen aus dem Off gesetzt, aber auch auf überraschende Perspektivwechsel und Ereignisse. Leider ist der zu Beginn noch partiell überzeugende Soundtrack von Emilie Simon in seinem steten Versuch, die Gefühlsklaviatur mit voller affektheischender Wucht zu bedienen, auf Dauer so penetrant, daß man ihm irgendwann wutentbrannt den Klöppel des Glockenspiels aus der Hand schlagen möchte. Schade, daß hier nicht mehr auf die nuancierte Inszenierung und die unweigerlichen Fähigkeiten der Schauspieler vertraut wurde. 2012-04-11 16:06

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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