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Work Hard – Play Hard

D 2011. R,B: Carmen Losmann. K: Dirk Lütter. S: Henk Drees. P: HUPE Film- und Fernsehproduktion.
90 Min. Film Kino Text ab 12.4.12

Ressourcenverschwendung

Von Cornelis Hähnel »Ennui, Ennui!« Ach ja, Madame Bovary hatte schon Probleme, die andere gern hätten. Aus lauter Unzufriedenheit stürzte sich die Gute in eine Luxussucht – und ging, wie sollte es anders in der Weltliteratur sein, daran zu Grunde. Heute, gut 150 Jahre später, gelten die verschärften Spielregeln des Kapitalismus: Wer sich etwas mehr leisten will, muß viel arbeiten. Daß proppenvolle Arbeitstage jedoch nicht automatisch verschwenderischen Luxus mit sich bringen, davon können gerade Selbständige ein Lied singen. Es ist ein Symptom unserer Zeit, daß mittlerweile eine erhöhte Arbeitsbereitschaft ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird. Und so verwundert es nicht, daß das Burn-Out zu einer neuen Volkskrankheit avanciert ist. Ein Wochenlohn für eine Prise Ennui!

Die Dokumentarfilmerin Carmen Losmann blickt in Work Hard – Play Hard auf die neue »schöne« Arbeitswelt. Imposante Architektur aus Glas und Stahl, eine offene Raumgestaltung, Großraumbüros in funktionalem, minimalistischem Design, so sieht sie aus, die Arbeitswelt im 21. Jahrhundert. Mittendrin die wichtigsten Elemente der Unternehmen: die Angestellten. Und es gilt, deren Arbeitskraft zu optimieren. Das Human Research Management ist zu einem wesentlichen Punkt der Unternehmensführung geworden. Losmann dringt mit ihrer Kamera in die Personal- und Chefetagen deutscher Unternehmen vor und fördert Beängstigendes zutage. Ihre Bilder sind geprägt von einem fast klinisch-präzisen Blick, in ihren Kadrierungen werden die Unternehmensgebäude zu einer beklemmenden Machtarchitektur. Dabei setzt sie auf eine Dramaturgie, die ebenso nüchtern und kristallklar ist wie das von ihr gewählte Sujet und schafft somit eine Atmosphäre von schockierender Kälte. Wenn ein junger Mann die Fragen in einem Assessment-Center beantwortet und dabei die Standardformulierungen aus dem Bewerbungslehrbuch herunterdekliniert, ist das plötzlich so spannend wie ein Thriller. Innerlich angespannt verfolgt man als Zuschauer jedes Wort. Losmann tut gut daran, die einzelnen Szenen für sich selbst sprechen zu lassen und auf einen Off-Kommentar zu verzichten. Natürlich kommentiert sie schon allein aufgrund der gewählten Kameraeinstellungen und Schnittentscheidungen das Material, jedoch ist das eher ein Unterstreichen statt eine Positionierung der vorgefundenen Situationen. In den einzelnen Interviews mit Personalmanagern, Unternehmensberatern und anderen Führungskräften offenbart das tief verinnerlichte Managervokabular, als was die Angestellten betrachtet werden: als menschliche Ressourcen, die man effizient nutzen muß. Theoretische Konstrukte, deren Leistungsfähigkeit gesteigert, deren Verhaltensweisen und Einstellungen zur Arbeit zwecks Gewinnoptimierung grundlegend verändert, denen die veränderten Anforderungen in »die DNA eingepflanzt« werden müssen, wie eine Interviewpartnerin mit professioneller Miene sagt. In einer Szene beobachtet Losmann einen Outdoor- Workshop. Die Teilnehmer absolvieren dabei ein Klettertraining im Wald, müssen in einem dunklen Erdloch Aufgaben lösen und generell über sich hinauswachsen. Doch all dies dient nicht der Stärkung des eigenen Selbstvertrauens, sondern wird konsequent an die jeweilige Funktion innerhalb des Unternehmens gekoppelt. Ausnahmesituationen werden geschaffen, um Unternehmensideologien zu transportieren. Work Hard – Play Hard ist ein beunruhigender Film über die Zukunft der Arbeit, die längst schon Gegenwart geworden ist. Gerade aufgrund seiner rein beobachtenden Grundhaltung ist er so schockierend, da daß System sich unverhohlen und ohne schlechtes Gewissen permanent selbst entlarvt. Und gerade da die Unternehmen ganz offen über ihre Geschäftspraxis sprechen und Losmann keinen Enthüllungsjournalismus im Wallraffschen Sinne betreibt, ist die Wirkung umso intensiver. Das vorherrschende Einverständnis, mit effizienzbasierten Methoden und Taktiken die Angestellten zu Höchstleistungen anzutreiben, ohne auf den Menschen hinter der Ressource zu achten, ist permanent spürbar und läßt den Zuschauer desillusioniert zurück. Und man wünscht sich, man hätte eine Dystopie gezeigt bekommen. Doch die »schöne neue Arbeitswelt« ist schon längst bittere Realität geworden. 2012-04-11 15:09

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