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Monsieur Lazhar

CDN 2011. R,B: Philippe Falardeau. K: Ronald Plante. S: Stéphane Lafleur. M: Martin Lèon. P: Micro Scope Media. D: Mohamed Fellag, Sophie Nélisse, Émilien Néron, Danielle Proulx, Brigitte Poupart, Louis Champagne, Jules Philip, Francine Ruel u.a.
94 Min. Arsenal ab 12.4.12

Sehen Schweigen Starren Sprechen

Von Andreas B. Krüger Kindheit und Tod, Aufarbeitung von Schuld und Vergangenheit, Flucht und Aggression, körperliche und psychische Gewalt. Je länger man über Philippe Falardeaus Film nachdenkt, um so gewaltiger erscheinen die in Monsieur Lazhar behandelten Themen. So offensiv der Film auch beginnt – ein 11jähriger Junge entdeckt seine Klassenlehrerin erhängt im Klassenzimmer –, so behutsam tastet er sich an seine Figuren und deren Probleme heran.

Doch alles auf Anfang. Bachir Lazhar ist ein Exil-Algerier in Québec, der als Pädagoge die Leerstelle in der Schule füllt, die die Kollegin nach ihrem Suizid hinterlassen hat. Nach einer Phase des Herantastens schafft er es, seine traumatisierte Klasse für sich zu gewinnen. Er ist unbequem, stellt die Schulleitung und seine Kollegen zur Rede. Lazhar bricht das Schweigen und erzwingt sanft das Sprechen über Traumata und die Konfrontation mit dem Tod – auch für sich selbst. Trotz aller Schwere ergötzt sich der Film jedoch nicht an vermeintlichen Errungenschaften der Psychoanalyse, vielmehr deutet er an, wie es sein könnte, um dann mit spät lancierten Details die Eltern-Kind-Beziehungen oder die latenten Konflikte innerhalb der Lehrerschaft um so deutlicher herauszustellen. Pilotentochter Alice beispielsweise erhält augenscheinlich nicht genug Aufmerksamkeit von ihrer Mutter, sie entwickelt eine Haßliebe zu ihrem Kameraden Simon und idealisiert ihren Lehrer Lazhar. Dieser wiederum ist unfähig, auf die überdeutlichen Avancen einer Kollegin auch nur annähernd einzugehen.

Eine wenig graziöse Rollenverteilung kann man dem Film sicher vorwerfen. Falardeaus weibliche Figuren sprudeln vor Empathie und Emotionalität, ihre männlichen Pendants verstecken sich dagegen zunächst hinter halbgaren Aussagen. Erst allmählich treten auch hinter der jeweiligen Persona ernstzunehmende Emotionen hervor. Manches Mal will man den kühlen und beherrschten Lazhar schütteln; erst wenn er sein eigenes Trauma aufarbeitet, den Verlust von Familie und Heimat, erreicht die Figur auch dank der schauspielerischen Leistung Mohamed Fellags ihre wirkliche Komplexität.

Fabeln und Balzac zitierend verliert sich der Film manches Mal zu sehr im eigenen Schulkontext und erhebt den imaginären Zeigefinger. Dennoch ist es trotz aller wohlmeinenden Dialoge keine Wohlfühlproduktion, die rosarote Wolken an den Pädagogenhimmel malt. Falardeau beschreibt die komplexen Beziehungen innerhalb des Mikrokosmos Schule, ohne sie durch Vereinfachung banal werden zu lassen. Das ist feinfühlig beobachtet und visuell spannend erzählt, wenn die Kamera auf für die Figurenzeichnung wichtigen Details verharrt, ohne daß ein weiterer Dialog mögliche Interpretationen gleich mitliefert. Die verstörende Ruhe in Bild, Musik und Rhythmus sowie das langsame Sezieren der Figurenbeziehungen erstickt in beeindruckender Weise die im Raum schwebende Aufregung. So findet sich Monsieur Lazhar in guter Gesellschaft neben neueren frankokanadischen Produktionen wie Denis Côtés Curling oder Villeneuves Incendies. 2012-04-11 14:02

Abdruck

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