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The Grey – Unter Wölfen

The Grey. USA 2011. R,B: Joe Carnahan. B: Ian Mackenzie Jeffers. K: Masanobu Takayanagi. S: Roger Barton, Jason Hellmann. M: Marc Streitenfeld. P: Liddell Entertainment, Scott Free Productions. D: Liam Neeson, Frank Grillo, Dermot Mulroney, Dallas Roberts u.a.
117 Min. Universum ab 12.4.12

Wissenswertes aus Alaska

Von Heiko Martens Man sollte bei jedem, aber auch wirklich jedem Abenteuerfilm etwas fürs Leben lernen können. Konnten die Anfänge des Genres noch behaupten, daß es tatsächlich etwas jenseits der regelbehafteten Zivilisation gebe, gestaltet sich die Konfrontation des Menschen mit echter Wildheit inzwischen diffiziler. Vor allem, wenn man sich die Mischung mit Historie, Science Fiction oder Märchen erspart.

Insoweit ist The Grey auf respektable Weise bodenständig. Ein wenig Flugzeugabsturz, eine ganze Menge winterliches Alaska und ein Wolfsrudel – fertig ist die Melange, die Protagonist Ottway (Liam Neeson) und einige – wenig überraschend – durchweg männliche Mitglieder eines Ölbohrteams an ihre Grenzen führt. Der Westerneinschlag des Grundplots stellt dann auch die Frage, wer genau hier das Tier ist. Während die Wölfe in ihrer Bedrohung sachdienlich dramaturgisch überzeichnet sind, entblößen sich die Menschen auf ihrer Flucht durch die Wildnis zusehends.

Für eine Weglaufgeschichte erlaubt sich der Film von Joe Carnahan (Buch und Regie) bemerkenswert ruhige Momente – selbst die actionlastigen Sequenzen, vorneweg der Flugzeugabsturz, leisten sich Augenblicke der fast völligen Stille. Die Dynamik zwischen Kakophonie und akustischer Nullinie ist gelungen – und funktioniert auch auf einer Metaebene: Selbst in der Wildnis und unter Männern ist das Weibliche vor allem durch Ottways Background stets präsent. Daß kein Irrtum aufkommt: Hier wird Testosteron erzählt und dies mit der festen Vorstellung davon, was Gegenstand der Betrachtung ist, wenn man Männer in die Wildnis schickt. Daß die Logik hierdurch einige Löcher in den Plot stanzt – geschenkt! Der Fokus liegt vor allem auf der Skizzierung der Hauptfigur. Als nach dem Absturz ein Mann im Sterben liegt, wird er von Ottway nicht mit der Aussicht vertröstet, alles werde wieder gut, er würde durchkommen, sie würden es schaffen etc. Du wirst sterben, verkündet Ottway, um den Mann dann mit rauer Poetik bis zum Tode zu geleiten. Diese kleinteiligen Variationen des Vertrauten sind gut geschrieben. Schade hingegen, daß die Männer neben Ottway kaum Kontur gewinnen.

Regisseur Carnahan ist für hiesige Verhältnisse fast ein Autorenfilmer. Schon bei Narc, Smokin’ Aces und dem Filmrevival des A-Team hat er jeweils das eigene Skript umgesetzt. Im vorliegenden Fall ein profitabler Umstand; zwischen Buch und Inszenierung paßt kaum ein Blatt, auch wenn die Wölfe in manchen Naheinstellungen bugdetbedingtem Trash anheimfallen. Dankbar wohl auch in diesem Kontext, daß Ian Mackenzie Jeffers, der Autor der Vorlage, am finalen Skript mitgewirkt hat.

Dabei wird zu guter Letzt auch – durchaus kontrovers – eingelöst, was man als kleines Wolfseinmaleins in den Weiten Alaskas oder demnächst auch wieder hierzulande vielleicht noch wird gebrauchen können. Den Omegawolf kriegt man vielleicht noch gebacken. Aber leg dich nicht mit dem Alphatier an. Gilt für fast jede Spezies. 2012-04-11 13:25

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