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Hinter der Tür

The Door. H/D 2012. R,B: István Szabó. B: Andrea Vészits. K: Elemér Ragályi. S: Reka Lemhenyi. P: Intuit Pictures, FilmArt. D: Helen Mirren, Martina Gedeck, Károly Eperjes, Gábor Koncz, Enikö Börcsök, Ági Szirtes, Lajos Kovács, Erika Marozsán u.a.
98 Min. Piffl ab 5.4.12

Kammermusik

Von Susan Noll Ungewöhnliche Freundschaften sind im Film schon häufiger porträtiert worden. Im Buddy Movie läßt sich herrlich über die Verschiedenheit der Charaktere lachen, die sich in der Arbeit auf ein gemeinsames Ziel hin zu lösen scheint. Gerne dienen Paarkonstellationen auch zur Darstellung der Inspiration bei künstlerischen Prozessen. Wie sich zwei Figuren mit ihren Erlebnissen gegenseitig antreiben, Ideen schenken oder durch Konkurrenz in Reibung geraten, zeigt sich in Hinter der Tür an einer seltsamen Frauenfreundschaft.

Ungarn in den 1960er Jahren: Magda hat ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich der Schriftstellerei zu widmen. Zusammen mit ihrem Mann ist sie gerade erst in eine stattliche Wohnung gezogen. Um diese sauber zu halten, holt sie sich Hilfe von Emerenc, einer zurückgezogen lebenden, älteren Frau. Diese lebt in einem einfachen Haus auf der anderen Straßenseite, nur ein paar Meter von Magdas Wohnung entfernt. Emerenc kümmert sich gründlich um die Behausungen anderer, in ihre eigene allerdings will sie niemand lassen. Das Zimmer hinter der Tür hat sie allein zu ihrem Reich erklärt, das niemand betreten darf. Diese Regel verteidigt sie mit einem eisernen Willen. Ein Umstand, der die Schriftstellerin Magda nicht zu stören scheint, sie respektiert Emerencs Privatsphäre. Dabei könnte es gerade eine Geschichtenerzählerin interessieren, welches Schicksal die verschlossene Haushaltshilfe zu verbergen versucht.

Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine seltsame Dynamik zwischen Annäherung und Distanzierung. Mal ist Emerenc grantig und abweisend, nimmt sich Bemerkungen heraus, die ihr eigentlich die Anstellung kosten müssten. Mal ist sie neugierig, scheint Kontakt mit der sanftmütigen Magda knüpfen zu wollen, nur um sich im nächsten Moment wieder in ihrer Eigensinnigkeit zurückzuziehen. Die Schriftstellerin findet Emerenc angenehm und anstrengend zugleich, sie ist fasziniert von der Starrköpfigkeit der Frau und kann doch ihre abweisende Haltung nicht ertragen. Dieses Hin- und Hergerissensein seiner Figuren scheint sich auch Regisseur István Szabó zur Grundlage seines Films gemacht zu haben. Sein Erzählstil ist sehr kurzatmig und hastig, die Sequenzen sind straff komponiert und wirken fast in sich abgeschlossen. Die daraus resultierende Lakonie hat etwas für sich, sie ist kurzweilig und unterhaltsam, manchmal sogar witzig pointiert. Allerdings läßt dies kaum Spannungsbögen zu, die die handlungsreiche Erzählung über 90 Minuten tragen würden.

In solchen Momenten wird klar, daß es sich nicht notwendigerweise lohnt, ein gutes Buch zu verfilmen. Der autobiographisch geprägte Roman stammt von Magda Szabó. Als solcher kann die Geschichte bestens funktionieren, im Film klappt sie nur, wenn größere Zusammenhänge hergestellt werden. Doch die verknappte Erzählweise läßt viele Konflikte der Figuren im Unklaren. Es ist István Szabós altes Thema vom Menschen in Machtverhältnissen und einer Gesellschaft, die auf Hierarchien basiert, das er auch in seinem neuen Film aufgreift und das den Hintergrund von Magda und Emerenc bildet. Doch werden viele dieser kleinen Geschichten, die sich hier andeuten und Erwartungen wecken, am Schluß nicht kraftvoll genug erzählt. Flashbacks sollen die Charaktere fundieren, doch sie ziehen ihre Geschichten unnötig ins Mystische. Die Dramatik in den Lebensgeschichten der Figuren verpufft.

Es scheint, als hätte Szabó Angst vor Pathos und vermeidet daher eine ruhige Erzählweise. Doch seine beiden starken Hauptdarstellerinnen Helen Mirren und Martina Gedeck, geübt in spröden Charakteren, hätten einen Überschwang an Kitsch sicherlich zu verhindern gewußt. So aber wirken selbst sie manchmal deplaziert. Martina Gedeck ist zu kraftvoll für die gutmütige Magda. Und Helen Mirren bekommt als Emerenc kaum eine Pause vom Granteln. Nur einmal entfährt ihr ein herzliches Lachen, so unerwartet und plötzlich, daß es den Zuschauer einfach zu sehr überraschen muß und dadurch gleich wieder fehl am Platze wirkt. 2012-04-11 13:17
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