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Martha Marcy May Marlene

USA 2011. R,B: Sean Durkin. K: Jody Lee Lipes. S: Zachary Stuart-Pontier. M: Daniel Bensi, Saunder Jurriaans. P: BorderLine Films. D: Elizabeth Olsen, Christopher Abbott, Brady Corbet, Hugh Dancy, Maria Dizzia, Julian Garner, John Hawkes, Louisa Krause u.a.
120 Min. Fox ab 12.4.12

Verführerschein

Von Dietrich Brüggemann Sundance, Cannes, Toronto, San Sebastian – die Festivalcheckliste dieses Films liest sich wie der Reiseplan eines allseits respektierten Großkritikers, einer sogenannten Edelfeder. Edelfedern sind ja ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, das zumindest im Filmbereich heute allmählich ausstirbt, weil in den Zeitungsredaktionen nicht mehr täglich die Welt neu beschrieben wird, sondern nur noch gestrichen, gekürzt und zusammengelegt (außer in der Redaktion dieses Organs, das von Anfang an im Geist der Selbstausbeutung entstand, da kann man dann auch nichts mehr streichen). Aber um zurück zum Thema zu kommen: Ein weiteres Phänomen des 20. Jahrhunderts waren neben den Edelfedern die sektenähnlichen Guru-Gemeinschaften wie beispielsweise die Manson-Familie, und von einer solchen Gemeinschaft handelt dieser Film. Beziehungsweise handelt er von einer Person, die einer solchen Sekte entlaufen konnte, jetzt bei ihrer Schwester Unterschlupf gefunden hat und dort aber auch nicht klarkommt, weil die Vergangenheit sie dauernd einholt. Martha heißt sie, aber der Guru blickte ihr tief in die Augen und sagte ihr, sie sehe aus, als hieße sie Marcy May, dann sang er ein Lied für sie und blickte ihr noch tiefer in die Augen, da war sie ihm ganz verfallen, dann durfte er sie vergewaltigen, was er aber mit allen Frauen in seiner Gemeinde tat, und das ganze dauerte zwei Jahre. Elizabeth Olsen ist die jüngere Schwester der Olsen-Zwillinge Mary-Kate und Ashley, die in Amerika Weltstars sind, aber Elizabeth wird bald berühmter sein, denn sie wirkt in der Titelrolle wirklich auffällig gut, wobei ihr gleichwohl zugute kommt, daß sie ein ausgesprochen hübsches Gesicht besitzt, aber wer wollte das einer Schauspielerin zur Last legen. Ebenfalls außerordentlich sehenswert ist John Hawkes, der den charismatischen Gruppenverführer spielt – ein sanfter, fast nachgiebiger, schlaksiger Mann, der sich wunderbar darauf versteht, einseitige Intimität herzustellen. Man fühlt sich ganz und gar verstanden und aufgehoben und merkt gar nicht, daß das Gegenüber nichts von sich selbst preisgibt, sondern dir nur deine Seele klauen will, wobei er selbst das natürlich als das Austeilen von Liebe bezeichnen würde. Die restlichen Schauspieler sind zweitrangig, das findet nicht der Schreiber dieser Zeilen, das findet der Film, der oft in langen Dialogszenen bei einer Figur bleibt und uns den Umschnitt verweigert. Marthas Schwester ist eine etwas verkrampfte, aber ganz okaye Yuppie-Frau, die mit ihrem britischem Yuppie-Mann in einem steinreichen Riesenhaus am See wohnt und versucht, schwanger zu werden. Martha kommt zu ihnen, aber nicht zu sich. Immer wieder schweift sie zurück in die Vergangenheit, und hier zieht der Film schon bald sein zentrales Gimmick aus dem Ärmel: Die Szenen sind bruchlos ineinandergeschnitten. Martha sitzt neben ihrer Schwester auf einer Wiese, jemand ruft, sie steht auf, aber von einer anderen Wiese, neben ihr ein anderer Mensch. Und so geht das die ganze Zeit. Debütregisseur Sean Durkin gelingt es auf diese Art, ein beunruhigendes Gefühl zu wecken – die Entwurzelung der Hauptfigur setzt sich beim Zuschauer fort. Kamera und Schnitt und all das tragen ihren Teil dazu bei – es ist guter Kunstkinostandard, jedes Bild ist wie aus Glas und wirkt kostbar, obwohl und weil alle oberflächliche Pracht natürlich sorgsam eliminiert wurde. Die Edelfedern der Filmwelt waren beeindruckt, die Festivalliste spricht für sich, aber man muß doch anmerken, daß in der Summe etwas fehlt. Durkin verläßt sich nämlich fast ausschließlich auf sein Gimmick, also auf ein schön gestaltetes, aber eigentlich statisches Hin-und-Her. Kein Mensch ruft hier nach Handlung, aber ohne Handlung müßte man halt tiefer in die Situationen und in die Menschen hineinsteigen. Die Welt, die der Film schildert, ist faszinierend, sie sieht überzeugend aus, sie hat zwei glänzende Schauspieler, und wenn man den Trailer anguckt, denkt man: Wahnsinnig interessant. Aber dieses Versprechen wird nicht eingelöst. Die menschlichen Interaktionen bleiben im Sektenteil unterbelichtet und im Familienteil immer etwas nah am Klischee. Der Film klebt an seiner Ästhetik, an seiner Kunstfilmsprache, bleibt damit an der Oberfläche und tut aber so, als wäre er unheimlich tief. 2012-04-06 13:45

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