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Einer wie Bruno

D 2011. R: Anja Jacobs. B: Marc O. Seng. K: Daniel Möller. S: Ronny Mattas. M: Matthias Klein. P: Oberon Film, Funkfilme. D: Christian Ulmen, Lola Dockhorn, Lucas Reiber, Janina Fautz, Peter Kurth, Hans-Werner Meyer, Alwara Höfels, Fritz Roth u.a.
100 Min. Movienet ab 12.4.12

Einer für alle

Von Heiko Martens Die Geschichte des Geschichtenerzählens ist ein kulturübergreifend weites Feld. Ohne zur Untermauerung der folgenden schlichten These ins Historische abgleiten zu müssen: Die meisten Geschichten sind schon einmal erzählt worden. Was für das heutige Kino spannend bleibt, ist die Variation, das gewisse Quentchen, welches das Faß der Erwartung mäßig zum Überlaufen bringt – ein ganzer Schwall birgt eher Verstörung und Überforderung, und es sind nur wenige Filmemacher, die nach solch einem Ausflug ins Abseitige noch ein zweites Mal in die Spur dürfen.

Bezüglich der Reflexion des Alltagslebens mit all seinen Tücken kann der geneigte Geschichtenliebhaber somit den Spruch hochhalten, welcher der Schauspielerin Lauren Tewes erstmalig zugesprochen wird: »Been there, done that.«

Da ist es nicht verwunderlich, daß auch für derartig lebensnahe Geschichten das gewisse Etwas gesucht wird. Wichtig ist dann eigentlich nur, daß im Erfahrungshaushalt des Rezipienten ein gewisses Echo ausgelöst wird. Ist der kurz vor der Auslöschung befindliche Himmelskörper aus einer anderen Galaxie auch noch so weit entfernt – so richtig packen tut es nur dann, wenn es persönlich berührt. Hey, sie zerstören den kompletten Planeten! – Oh, nein: Auf dem habe ich all meine Sachen!

Was also klingt universal an, wenn die Erziehungsberechtigten die Kindischen sind? Und die Kinder eigentlich diejenigen, die den Lauf der Welt und ihre inneren Zusammenhänge am besten verstehen – oder dies zumindest glauben? 500.000 Millionen Teenager würden das Vorliegen einer solchen Situation im Streitfall unumwunden für ihre Eltern unterschreiben.

Die 13jährige Radost (Lola Dockhorn) kann dies jedoch mit Fug und Recht tun. Ihr Vater Bruno (Christian Ulmen) leidet an Oligophrenie, einer geistigen Behinderung, die der Volksmund böse und salopp Schwachsinn nennt. Bruno hat den Entwicklungsstand eines geschätzt Zehnjährigen – richtigerweise hat die Emanzipation von Radost damit schon entschiedene Schritte hinter sich. Gleich zu Beginn der Geschichte wird recht deutlich, wer in dieser Kleinfamilie die Hosen anhat. Es geht also weniger darum, wie sich Radost von ihrem Vater lossagt und selbständig die Welt der vermeintlich Erwachsenen betritt, sondern wie zwei Menschen, in Liebe zueinander verbunden, es durch dick und dünn schaffen.

Dünn gibt es in den schönen Momenten, wenn Radost und ihr Vater zum Beispiel gemeinsam den Zoo besuchen, wo Bruno viel Anschauungsmaterial für sein Tiere-Nachahmen-Spiel sammelt. Dick wird es vor allem dann, wenn die Dame vom Jugendamt vor der Tür steht. Oder wenn Radost erste Schritte ins Liebesleben wagt. Oder wenn sie für das stete Herumkugeln von Gedanken im Kopf, für das Teenager erfahrungsgemäß viel Zeit benötigen, einfach mehr Kapazitäten braucht. Bruno ist hier nämlich keine große Hilfe, sondern durch seine infantilen Bedürfnisse eher Sand als Schmiermittel im Getriebe.

Regisseurin Anja Jacobs umschifft mit Hilfe des ausgewogenen Drehbuchs von Marc O. Seng manch Untiefe, die den Film niederreißen könnte. Der am Horizont drohende Schmachtfetzen wird ebenso vermieden wie das Ulknudelpanorama, das man zweifellos auch hätte bedienen können. Dabei wird der Film in der Hauptsache von Lola Dockhorn getragen, die im guten Sinne fast überhaupt nicht »spielt«. Christian Ulmen wirkt mitunter wie ein Rain Man auf Speed, hält aber dermaßen konstant die Spur, daß man sich durchaus fragt, wer eigentlich bei der Kategorisierung in »normal« und »unnormal «, in »intelligent« und »unterintelligent« das letzte Wort haben sollte. Hierzu tragen sicher auch die übrigen »erwachsenen« Figuren bei, die mitunter zielsicher getroffen sind, zum Beispiel in der Elternkonstellation, die beim Mädchenschwarm Benny (Lucas Reiber) Oberklassenneurosen fährt, oder bei Brunos Arbeitskollegen Karli, der in einer ausgewogenen Mischung Bruno herzt oder den »Spasti« genußvoll quält.

»Daß der Zuschauer trotz des schweren Themas lachen und weinen kann«, wünscht sich Regisseurin Jacobs. Einer wie Bruno bedient beides, jedoch angemessen, nicht im Übermaß. Das große Kreischen drängt sich so wenig auf wie das existentielle Drama. Trotzdem unterhält es – ganz normal irgendwie. Schließlich repräsentiert Bruno ca. 2-10 % der Bevölkerung – oder je nach Standpunkt auch mehr. 2012-04-06 09:34

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