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Krieg der Knöpfe

La nouvelle guerre des boutons. F 2011. R,B: Christophe Barratier. B: Stéphane Keller, Thomas Langmann, Philippe Lopes-Curval. K: Jean Poisson. S: Yves Deschamps, Anne-Sophie Bion. M: Philippe Rombi. P: La Petite Reine, Studio 37, Mars Films, Canal +. D: Laetitia Casta, Guillaume Canet, Kad Merad, Gérard Jugnot, François Morel, Marie Bunel, Jean Texier, Clément Godefroy u.a.
100 Min. Delphi ab 12.4.12

Ein bißchen Krieg

Von Heiko Martens Jungmännergewalt also – mal wieder. Die Geschichte der beiden Jugend- und Jungenbanden, die alle Filmemachergenerationen wieder angegangen wird, entkommt ob ihrer Universalität regelmäßig allzustarkem Aufmöbeln, erscheint dabei dennoch jedes Mal im Licht ihrer Zeit. Inzwischen liegen die Assoziationen irgendwo zwischen U-Bahn-Schlägern, den freiheitsliebenden Mengen, die sich gegen allerlei Diktaturen auflehnen, und Steven Pinker, dem wohl recht angesehenen Philosophen aus den USA, der jüngst auf über 1.000 Buchseiten ausführte, daß die Gewalt auf dem Planeten Erde tendenziell abnehme, und damit vor allem anonyme Zahlen in Relation zur Gesamtbevölkerung meinte.

Im Kino darf derweil wieder gefochten werden. Nach einer ersten Verfilmung der Romanvorlage 1936 ist der »Krieg der Knöpfe« der heutigen Großeltern- und Elterngeneration wohl am ehesten in der Fassung von 1962 (Regie: Yves Robert) ein Begriff. Unverwüstlich mutet dieser Film auch heute noch an, inklusive der Kruzitürken der deutschen Sprachfassung und eines wunderbar naiven Gaskammerwitzes. Es folgt eine weitere Version aus dem Jahre 1994 (Regie: John Roberts), die das Geschehen nach Irland verlegt und sich vom französischen Vorbild nur marginal unterscheidet – hier scheint der Kampf der Jungenbanden auch ein Klassenproblem zu sein, und Mädchen kloppen durchaus mit.

Nun kehrt der Stoff also zurück nach Frankreich und sucht trotz längst neu herangewachsener Filmgemeinde auch inhaltlich nach einer neuen Rechtfertigung. Die Filmemacher entscheiden sich dafür, die Geschichte ins Jahr 1944 zu verlegen. Also eine Phase, in der die französische Provinz die Ankunft der Nazis ebenso zu fürchten hat wie die Implosion der örtlichen Gemeinden im Zwist zwischen Kollaboration und Résistance. Nach erstem Augenbrauenlupfen ein durchaus plausibler Gedanke – bereitet er doch das Feld für etwas, was man in dem hier als Original angesehenen Film von 1962 nicht groß vermißt, nach Glattbügeln der Sehgewohnheiten aber vielleicht doch herbeisehnen könnte: daß sich die beiden Banden schlußendlich vereinen. Eigentlich sind sie gar nicht so verschieden – und die wahren Feinde sind schließlich die Erwachsenen. Im Hinblick hierauf sind alle kindlichen Dilemmata doch irgendwie gleich.

Die Aufbereitung der Versatzstücke der filmischen Vorlage(n) nimmt der erneute Anlauf mal mit mehr, mal mit weniger Bravour. Mit weniger z. B., wenn die feindliche Bande fliehen muß, weil sich ihr die Heldentruppe völlig nackt in den Weg stellt. Vor einer solch archaisch anrückenden Jungarmee flieht man schließlich mit Fug und Recht – wenn in der hier besprochenen Version Prüderie waltet und die Jungs »wie die Griechen« (sic!) in weißer Unterwäsche in die Schlacht ziehen, verpufft der Effekt leider.

Gut hingegen gelingen das historische Setting und die Besetzung der erwachsenen Figuren – auch wenn mit Laetitia Casta eher ein Name gecastet wurde denn ein herausragendes Talent. Auch und gerade bei den Kindern gibt es nicht viel zu meckern. Der Lebrac der 1963er Version erinnert zeitgemäß eher an einen jungen James Dean, während die Neuauflage vage Justin-Bieber-Assoziationen hervorruft. Spielen tun sie beide, was die Figuren hergeben – und die sind einfach klasse genug, sodaß vor allem die erste Hälfte des Films gut unterhält.

In der zweiten Hälfte dann scheitert der Film leider an seinen eigenen Ansprüchen. Die Verknüpfung zum Jahr 1944, bis hierhin noch gut gesetzt, fliegt einem in der Auflösung fast stümperhaft um die Ohren. So grandios viel gab es hier nicht neu zu stricken – warum erscheinen die gewählten Wege so unausgegoren? Weder die neugepflanzte Liebesgeschichte bei den Kindern noch die Vereinigung der beiden Banden und erst recht nicht der Aufstand gegen die Nazis überzeugen. Was ist hier schiefgegangen? Schon im Buch versagt? Drehzeit überzogen? Budget ausgegangen? Diktatorische Nieten im Schnitt? Wenn man schon einen solchen Krieg erzählt – hätte es hier durchaus ein wenig mehr sein dürfen.

Es ist also leider ein unter den Möglichkeiten bleibendes Rätsel, was Christophe Barratier (Die Kinder des Monsieur Mathieu, 2004) hier auftischt. Zumal sich, wer von dem Stoff immer noch nicht genug hat, La guerre des boutons auch in der Fassung von Yann Samuell anschauen kann, ebenfalls in diesem Jahr erschienen. 2012-04-05 13:24
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