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The Music Never Stopped

USA 2011. R: Jim Kohlberg. B: Gwyn Lurie, Gary Marks. K: Stephen Kazmierski. S: Keith Reamer. M: Paul Cantelon. P: Mr. Tamborine Man. D: J.K. Simmons, Lou Taylor Pucci, Cara Seymour, Julia Ormond, Mía Maestro, Tammy Blanchard, Scott Adsit, Kelly AuCoin u.a.
105 Min. Senator ab 29.3.12

Let The Music Play

Von Stefan Jung Bilder der Vergangenheit. Eine Schallplatte rotiert auf dem Spielteller, die Nadel setzt sich behutsam auf die erste Rille und der Ton bricht in sattem Surround-Sound aus den Lautsprecherboxen. Die Songs in Jim Kohlbergs The Music Never Stopped spielen die Hauptrolle. »Crossroads« von Cream, »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« der Beatles – und neben vielen anderen vor allem die Musik von Grateful Dead. Ein Musikfest. Aber niemals losgelöst von der erzählten Geschichte.

Diese dreht sich um den jungen, zunächst verschollenen Gabriel, der bald seinen verdrießten Eltern gegenübersteht und keinen von beiden erkennt. Er ist nun fast so alt, wie sie damals, in der trennungsschwangeren Zeit 1969. Sein Freund starb in Vietnam, sein Vater (J. K. Simmons) schmiß ihn aus dem Haus, weil er aus Protest die Nationalflagge beim Schulkonzert anzündete. Nur weiß er all dies nicht mehr. Dem verlorenen Sohn wurde durch einen Gehirntumor das Kurzzeitgedächtnis zerstört. Eine Analogie, die auch zum seinem Heimatland, den USA stehen könnte.

Die Stärke des Films liegt aber eben in seiner Zurückhaltung, nichts wird hier politisch überladen. Es geht um die grundlegende »Einheit der Drei«. Vater, Mutter und Sohn. Sie kann nur wiederhergestellt werden, indem die Musik laufen gelassen wird – und zwar ohne Unterbrechung. Gabriels Symptome deuten darauf hin, daß er nur mithilfe der in der Zeit vor dem Unfall (Krankheitseinbruch, es bleibt bei der reinen Zustandsänderung, ohne umständliche Erklärung) von ihm so geliebten Musik es schaffen kann, sich sukzessiv wieder zurück zu erinnern. Die Identität der Hauptfigur wird dadurch bestimmt, was sie liebt und die Reserviertheit der Eltern spiegelt diese Tatsache. Es liegt nun an ihnen und dann gerade mit dem Vater an der scheinbar unzugänglichsten Persona, dem Sohn die lang vergessene Liebe zurückzugeben.

Es ist dann wohl auch der schönste Moment des Films, wenn der grandios-mürrische J. K. Simmons als Vater seine alten LPs gegen die vom Sohn geliebten eintauscht. Ein Poesie-Album aus Bildern und Tönen streift im (nicht-zu)Schnelldurchlauf durch die kultigsten Songs der späten 1960er Jahre. Trotz dieser bewußt angestrebten Melancholie bleibt der Film auf dem Boden der Tatsachen. Enttäuschung und Glücksgefühl halten sich während der Erzählung immer die Waage. Das ist überaus angenehm anzuschauen und nur sinngemäß bei diesem Protagonisten. So wunderbar der erste Durchbruch zu ihm ist, so klar und einfach ist das Prozedere der notgedrungenen Redundanz. Wie seine Songs, die immer wieder von vorn laufen müssen und mithilfe deren Texte er ausschließlich kommunizieren kann, bleibt Gabriel lange in seiner Zeit gefangen. Und währenddessen spielt die Musik einfach weiter.

Jim Kohlbergs kleiner Film über das Zuhören darf als unaufdringliches Meisterwerk gelten. Zusammen mit Gedächtnisforschern und Sprachtherapeuten hat er ein filmisches Konzept entwickelt, nach dem Bild und Ton – wir wußten es schon immer – schlichtweg untrennbar sind. Die Art und Weise wie hier Hör- und Sichtbares ineinander übergehen ist schlichtweg Kunst. Analog zu Gabriel erinnern wir uns als Zuschauer an die wertvollen Dinge der Vergangenheit. Wie sein Protagonist droht der Film hingegen durch seine unaufgeregte Inszenierung am Rande einer gefühllosen Gesellschaft unterzugehen. Manchmal hat man aber auch Glück. 2012-03-29 20:14
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