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Wo stehst Du?

D 2011. R,B,K,S,P: Bettina Braun. S: Gesa Marten.
91 Min. Real Fiction ab 29.3.12

Der Platz im Leben

Von Jens Mayer Ein scheinbarer Vertrauensbruch: Ali kommt nach Hause in die elterliche Wohnung und Bettina Braun hat bereits mit dem Filmen begonnen, unterhält sich mit seiner Familie. Nach einigen Floskeln platzt es aus ihm heraus: »Du mußt mich fragen, wenn du filmen willst. Ich finde das nicht in Ordnung!« In einem Eiscafé sitzt die Filmemacherin dem wortkargen Alban gegenüber. In Gesprächen zuvor hatte er erzählt, daß sein Vater ihn von zu Hause hinausgeworfen habe, und die Familie nicht mit seiner Freundin einverstanden sei. Er berichtet davon, wie er sich für ein Geschäft hohe Geldsummen hat leihen, und dafür monatlich 1000 Euro Zinsen habe zahlen müssen, »Straßenkredit«. Daß er sich nun, bedroht von den Gläubigern, zum Ausgleich der Schulden an seine Familie gewendet hat verschweigt er. Vor der Kamera konfrontiert ihn Braun mit diesem Detail, das sie durch ein zufälliges Aufeinandertreffen mit der Mutter des 26jährigen erfahren hat. Alban läßt den Eisbecher vor sich unangerührt, auf den er sich eben noch so gefreut hat.

Vor zehn Jahren hat Bettina Braun mit der Arbeit an ihrem ersten Film über die jungen Männer im Kölner Eigelsteinviertel begonnen. In Was lebst du? begleitete sie die Besucher des Jugendzentrums Klingelpütz durch ihren Alltag, vier Jahre später nahm sie mit dem Kurzfilm Was du willst die Geschichte wieder auf. Nun kehrt sie erneut zu ihren Protagonisten zurück. Dabei taucht sie immer wieder tief in die Lebens- und Gefühlswelt von Ali, Moussa, Alban und Kais ein, wird selbst Teil ihrer Welt und ihrer Geschichte. Gerade die Innenansicht und das Mit-Erleben aus der »Autoren«-Perspektive Brauns, verleiht dem nahezu im Alleingang umgesetzten Dokumentarfilm seine Intensität, der die Grenzen einer soziologischen Studie bewußt ignoriert.

Der Blick der Kamera ist der von Bettina Braun, und Brauns Blick ist neugierig, aber respektvoll. Sie weiß jedoch auch, wann es gilt den Habitus des Gegenübers zu hinterfragen und herauszufordern. Damit stellt der Film auch indirekt die Frage nach der Kontrolle des Subjekts über seine mediale Darstellung und die der Rolle des Filmemachers auf der Suche nach einer gewissen Wahrhaftigkeit. Dabei thematisiert Braun selbst, wie ihr enges Verhältnis zu den Protagonisten immer wieder auf die Probe gestellt wird, wie es schwankt – es wird gelacht, gestritten, geflucht und bedauert.

Wo stehst du? zeigt vier junge Männer, die damit beschäftigt sind ihren Platz im Leben zu finden und sich dabei stets mit den Erwartungen ihrer Familien, der Gesellschaft und sich selbst auseinandersetzen müssen. Gerade diese universelle Thematik bewahrt den Film auch davor, als bemühte »Migrationsstudie« herhalten zu müssen. Er bildet ab, er konfrontiert die Zuschauer mit Hintergründen und Problematiken, die sie nicht auflösen können, und findet im komplexen Gefühlschaos vor allem eins: die Menschlichkeit.

Bettina Braun und ihren Protagonisten ist es zu verdanken, daß Wo stehst du? zu einem warmen und wider Erwarten auch humorvollen Portrait geworden ist, das keine Antworten geben kann oder will und das sich trotz aller bedrückender Umstände jeder ideologischen Vereinnahmung verweigert. Einblicke wie diese sind es, die einem häufig hysterisch und eindimensional geführten Diskurs die Schärfe nehmen und zum Dialog animieren. 2012-03-26 17:37

Info

Wo stehst Du? läuft ab dem 29.3.12 in der Filmpalette Köln
© 2012, Schnitt Online

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