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King of Devil's Island

Kongen av Bastøy. N/PL/F/S 2010. R: Marius Holst. B: Dennis Magnusson. K: John Andreas Andersen. S: Michal Leszczylowski. M: Johan Söderqvist. P: 4 ½ Fiksjon, Opus Film, Mact Productions, St. Paul Film. D: Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Magnus Langlete, Morten Løvstad, Daniel Berg, Odin Gineson Brøderud u.a.
116 Min. Alamode ab 29.3.12

Rebellion mit Handbremse

Von Heiko Martens Es ist umstritten, ob innerhalb eines bestrafenden Kontextes, zumal in einer gefängnisgleichen Einrichtung, die Erziehung hin zu einem besseren Menschen gelingen kann. Jahrzehntelang führen Kriminologen, Pädagogen und Strafrechtler eine entsprechende Diskussion – geht doch die Grundlage hierzulande, der im Jugendstrafrecht verankerte Erziehungsgedanke, auf das Nazideutschland zurück.

Auch das Kino hat sich immer wieder in verschiedener Couleur mit diesem Konflikt auseinandergesetzt. Dabei kommt das Aufbegehren gegen die »entmenschlichte« Ordnung des unterdrückenden Systems ähnlich häufig einem Untergang des freien Individuums gleich wie dessen Befreiung. Nichts schien sich über lange Zeit für diese Konfliktdarstellung derart zu eignen wie das Kino mit seinem emotionalen Anstrich, seiner Fähigkeit, Ikonen zu erschaffen, und dem Hauch an Erweckungspredigt, den jede Initiationsgeschichte mit sich bringt.

Mit Fug und Recht greift demnach auch Der König von Bastoy das insoweit vertraut wirkende Muster wieder auf, um diesem einen norwegischen, winterlichen und im Ansatz auf historischen Begebenheiten beruhenden Anstrich zu verpassen. Erneut wird entmündigt, gedemütigt, gezüchtigt, vergewaltigt und gefoltert – wobei sich diese Aufzählung schlimmer anhört als das, was die Filmemacher den Zuschauern in der Summe zumuten. Die angezogene Handbremse heißt hier vielleicht mangelnder Mut zur Konsequenz, vielleicht auch Wille, eher durch Poesie denn durch brachiale Gewalt zu punkten. Das relativiert aber auch das Maß an Heimzahlung, das man im Rahmen der logischerweise folgenden Rebellion den Oberen der Anstalt an den Hals wünscht – dem Direktor als Übel der Ordnung mit Hang zum Mitgefühl sowie seiner rechten Hand Brathen, dem Schweinepriester unter den Patriarchen.

Eine weitere Relativierung der Relevanz liefert das historische Ambiente. Die Geschichte spielt 1915 und erzählt mit der Einrichtung auf der Insel Bastoy keinen Jugendknast im eigentlichen Sinne, sondern eine Besserungsanstalt für vom rechten Weg abgekommene Jugendliche. Damit wird auf der einen Seite eine allgemeine Stimmung der Zeit eingefangen. Die Jugendlichen der Einrichtung werden zu einer »verlorenen Generation« erklärt – man fragt sich jedoch, ob das nicht für alle gilt, die in derartigen Anstalten untergebracht werden, egal wo, egal wann. Denn neben aller gesetzgeberischen Intention erscheint es doch vor allem Sinn und Zweck, das Versagen der Zivilgesellschaft an den Staat zu delegieren und diejenigen wegzusperren, die die Sozialgemeinschaft auf potentiell gefährliche Art und Weise belasten.

Was hat die Geschichte also mit denen zu tun, die rund einhundert Jahre später leben? Der Aufstand der Jugendlichen in Der König von Bastoy bleibt auf dem Boden der Tatsachen – kein Vergleich zum Beispiel mit der brachialen Kraft von If… (GB 1968, Regie: Lindsay Anderson) oder den vielschichtigen Bedeutungsebenen von Einer flog über’s Kuckucksnest (USA 1975, Regie: Milos Forman).

Dabei ist dem Film formal kein Vorwurf zu machen. Die professionellen Schauspieler liefern solide Arbeit ab. Die Aufstockung des Casts durch Laiendarsteller vor allem bei den Jugendlichen ist authentisch und gelungen. Die Inszenierung weist kaum Mängel auf – vor allem die konsequente Farbpalette, die hier gewählt wurde, kongruiert mit dem Inhalt. Das alles täuscht jedoch nicht darüber hinweg, daß Unterdrückung und Rebellion schon stärker erzählt wurden.

Vor allem das auflösende Resumé des Films wirkt wenig rebellisch. Angesichts der Tatsache, daß das freie Individuum inzwischen neben Vater Staat noch viel potentere Gegner globalen Ausmaßes aufweist, erscheint diese Erzählhaltung nur konsequent. Aber auch irgendwie spießig. Ein bißchen mehr Aufstand hätte der emotionalen Kraft wie der gesellschaftlichen Relevanz des Films gutgetan, drückt sich in abstrakten, entmündigenden Strukturen doch keine »Entmenschlichung« aus, sondern etwas, das recht charakteristisch für unsere Spezies zu sein scheint. 2012-03-23 15:48
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