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Take Shelter

USA 2011. R,B: Jeff Nichols. K: Adam Stone. S: Parke Gregg. M: David Wingo. P: Grove Hill Productions, Strange Matter Films. D: Michael Shannon, Jessica Chastain, Tova Stewart, Shea Whigham, Katy Mixon, Natasha Randall, Ron Kennard u.a.
120 Min. Ascot Elite ab 22.3.12

Angst vor der Angst

Von Martin Thomson Der französische Neoformalist Luc Moullet unterschied einmal zwischen Regisseuren, die etwas zu sagen haben, und Regisseuren, die einfach nur tun. Die jungen amerikanischen Filmemacher hätten nichts zu sagen, stellte er 1959 in den Cahiers du Cinéma fest, und Samuel Fuller, dem der Artikel gewidmet war, noch weniger als die anderen: »Er hat etwas zu tun, und er tut es natürlich, ohne sich zu zwingen.« Diese zwanglose Natürlichkeit, die Moullet und seine Kollegen von der gelben Zeitschrift in den 1950er Jahren an den Filmen von Hawks, Hitchcock und Fuller so schätzten, läßt sich nun auch in Take Shelter von Jeff Nichols bestaunen; denn tatsächlich ist nichts an diesem Film zu viel oder zu wenig, wirkt kein einziger Moment wie gewollt und nicht gekonnt. Take Shelter ist ein minutiös durchkonstruierter, aber trotzdem in keiner einzigen Sekunde bemüht wirkender Genrefilm, dem es aus eben diesem Grund gelingt, daß sein Horror auf ganz unterschwellige Weise ins Unbewußte des Zuschauers einsickert.

Nichols hat etwas zu tun, er erzählt die Geschichte von Curtis, einem Bauarbeiter, der mit Frau und Tochter ein friedliches und geordnetes Leben in einer Kleinstadt in Ohio führt. Neuerdings plagen den Mittelständler jedoch Alpträume, die umso grauenerregender ausfallen, wie er nach außen hin tut, als liefe auch weiterhin alles nach Plan. So kommt es, daß sich die biblischen Endzeit-Visionen, in denen düstere Unwetter aufziehen und Öl vom Himmel herab regnet, um das Auftauchen fremder Kräfte erweitern, die in sein Heim einzudringen und seine Tochter zu entführen versuchen.

Je sicherer das eigene Leben, desto größer die Furcht, oder besser, je gefestigter die Illusion ein gesichertes Leben zu führen, desto größer die Angst vor dem totalen Kontrollverlust. Ein verpaßter Termin, ein geplatzter Scheck, ein triviales Danebengreifen. Die verdrängten gesellschaftlichen Ursachen für die Horrorfantasien der schizophrenen Hauptfigur werden zum Anlaß ihrer Entfremdung von der sozialen Wirklichkeit. Heimlich beginnt Curtis mit dem Bau eines Bunkers, woraus sich finanzielle und berufliche Folgen ergeben, die wiederum Einfluß auf die Intensität seiner Träume haben. Letztlich will er nur noch eins: In seine selbstgebaute Höhle, die ihm regressive Abschottung verspricht, ohne daß er um seine Rolle als souveränes Familienoberhaupt fürchten müßte. Was verstörender ist, das Gewöhnliche oder die Katastrophe, läßt sich irgendwann nicht mehr sagen.

Take Shelter ist wie ein kohärenter Körper, der zugleich mit leise rasselnden Lungenflügeln die Folgen der Wirtschaftskrise atmet. Eine Parabel auf die Angst des weißen Kleinbürgers vor dem Kontrollverlust genauso, wie die Beschreibung eines im sterben liegenden Amerikas ohne Aussicht auf Heilung. Das wirklich Bemerkenswerte an Nichols’ Leistung ist allerdings, daß sich diese im Subtext mitschwingende Ebene nicht als Botschaft aufdrängt. Sie ist nicht das, worauf ein Regisseur hinaus will, der nur tut, viel eher ergibt sie sich wie nebenbei aus der organischen Konstruktion des Ganzen und aus der hochkonzentrierten Reduktion auf die psychische Verfassung der Hauptfigur – und auch hier setzt Nichols noch einen drauf: Nur selten bezog ein kommerzieller Horrorfilm seine Spannung aus dem Psychogramm seines Helden, und noch seltener verdankte er dies einem Hauptdarsteller, der, wie Michael Shannon, eine Oscarwürdige Leistung in ein solches Sujet hineinträgt.

Zeitweise meint man sich hier aber auch in eine Stephen-King-Verfilmung aus den 1980er Jahren zurückversetzt: Diese wohlige Stimmung im amerikanischen Kleinstadt-Milieu, die mit antizipierbarer Gewißheit von der freudianischen Wiederkehr des Verdrängten heimgesucht wurde, läßt sich nun auch in Take Shelter finden. Aber wo die King-Filme zumeist in überzogene Schockmomente wegkippten, um die unterdrückten Ängste ihrer Hauptfiguren zur fantastischen Wirklichkeit zu erklären, beschränkt sich Nichols ganz auf die Verdichtung dessen, was ihre unnachahmliche Atmosphäre ausmachte. Take Shelter ist somit nicht nur die beste King-Verfilmung, die auf keiner Vorlage von King beruht, der Film ist auch der perfekte Anlaß, um sich, wie es Luc Moullet damals getan hat, zum (postmodernen) Hitchcock-Hawksianer zu erklären. 2012-03-16 14:49

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