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Haywire

USA 2011. R: Steven Soderbergh. B: Lem Dobbs. K: Peter Andrews. S: Mary Ann Bernard. M: David Holmes. P: Relativity Media, Irish Film Board. D: Gina Carano, Ewan McGregor, Michael Fassbender, Michael Douglas, Channing Tatum, Antonio Banderas, Bill Paxton, Michael Angarano u.a.
93 Min. Concorde ab 8.3.12

Weiblicher Nahkampf mit Bodenhaftung

Von Lena Serov Das Genre des Spionagefilms hat bestimmte Archetypen hervorgebracht, die nicht nur das Genre bestimmen, sondern nahezu das Genre bilden. James Bond ist so ein Archetyp, dessen Erneuerungs- und Aktualisierungsversuche wesentliche Grundmerkmale unberührt lassen: das britische Format viriler Coolness, die Austauschbarkeit von Frauenfiguren, der unverzichtbare Einsatz von technischem Equipment oder die Überbietungsökonomie halsbrecherischer Verfolgungsjadgen. Während also die James-Bond-Filme vielmehr auf Serialität, also auf Kontinuität und Selbstreproduktion angelegt sind und weniger Spielraum für eine Umkremplung des Erzähltyps Agententhriller lassen, da sie das Zusammenspiel von Konvention, Zuschauererwartung, Produktionsaufwand und Einspielergebnissen im Auge haben, liefern Produktionen abseits der seriellen Produktion die Möglichkeit einer spielerischen, kommentierenden oder reflexiven Sicht auf das Genre.

So beispielsweise zuletzt geschehen in Dame, König, As, Spion oder Haywire – einem neuen Genrebeitrag von Steven Soderbergh. Und wo der britische Agentenfilm mit seinem nostalgisch-noiren Look einen Abgesang auf die klassische Version des Genres mit einer klaren Gut-Böse-Logik klimperte und die Zuschauer darüber ernüchterte, daß das Spionagegeschäft ein undankbarer Bürojob mit unkalkulierten Lebensgefahren ist und von verstaubten alten Herren geführt wird, die sich in den Verstrickungen ihrer selbst gelegten Machtnetze verheddern, kondensiert Soderbergh das Genre auf die formale Essenz des Racheplots um die Geheimagentin (!) Mallory Kane und des Nahkampfs mit Bodenhaftung. Seine Inszenierung folgt somit nicht, wie gewöhnlich, den Logiken des Konflikts zwischen politischen Systemen, sondern demontiert das Hierarchiegefälle der Geheimdienststruktur der USA und die Machtspiele und Rivalitäten zwischen den Geschlechtern.

In seiner Reduktion des Agentenfilms auf handgemachte Action und körperbetonte Nahkämpfe geht der Film seine Protagonistin ziemlich rau an, denn nicht nur Haywire hat sich mit seinen actionreichen Vorläufern zu messen, sondern auch Mallory Kane mit ihren männlichen Kollegen. Sie, eine Hochformatagentin für eine private Sicherheitsfirma, wird der – hochrangig besetzten (!) – Männeriege im Geheimdienst unbequem, nachdem ein Auftrag der US-Regierung nicht nach Plan läuft; und soll beseitigt werden. Doch Kane – mit allen Agentenseifen gewaschen – kommt dem zuvor und vereitelt dieses Vorhaben und holt zu einem Vergeltungsschlag aus.

Zunächst muß Kane aber erstmal einstecken: Schon in den ersten Minuten des Films kippt ihr ein Ex-Kollege heißen Kaffee ins Gesicht, um sie daraufhin gegen Holzmöbel zu werfen, zu boxen und zu treten. Als Paul (Fassbender) gegenüber Kenneth (McGregor) einige Skrupel zeigt, eine Frau zur Strecke zu bringen, entgegnet dieser: Man dürfe in Mallory keine Frau sehen; sie müsse wie ein Mann gehandelt werden. Denn diese teilt nicht minder aus und wird von Gina Carano, einer mehrfachen Weltmeisterin der Mixed Martial Arts, mit einer unschlagbaren Körpersicherheit und agiler Eleganz verkörpert. Soderbergh, der den Film quasi um seine Neuentdeckung geschrieben hat, gibt seiner weiblichen Heldin Kane – an der alle sonstige Heldinnen schmückende Tiermetaphern abprallen müßten – eine im Actionkino noch nicht begegnete Glaubwürdigkeit und entdeckt zudem einige versteckte schauspielerische Fähigkeiten.

Die Zweikämpfe als das Herzstück des Films, die die Kamera körpernah und der Schnitt technisch perfekt choreographiert, haben eine geradezu intime Qualität: Sie lassen keinen Zweifel an den erotisch bzw. sexuellen Implikationen der Faust- und Machtkämpfe, wenn also Kane ihre Gegner bespringt, sie mit ihren Beinen umschlingt oder würgt, und diese keuchen und stöhnen. Gleichwohl Carano auch gleichzeitig im kleinen Schwarzen eine gute Figur macht, ist sie zu keiner Zeit als einseitiges sexuelles Objekt inszeniert, das Produkt des männlichen Begehrens ist.

Mit Haywire hat Soderbergh mal wieder inszenatorisches Geschick für realistische Figuren und das stilsichere Talent für die individuelle Aneignung eines Genres bewiesen. Die Schönheit und Eleganz, mit der die unterschiedlichen Drehorte – von Barcelona über Dublin bis New Mexico – in Szene gesetzt sind und den Ereignissen ihren charakteristischen Hintergrund liefern, ist hierbei nur eine Stärke von Soderberghs Regie. Seine Hauptdarstellerin/Hauptfigur ist die andere, und vielleicht hätte diese ja das Format in Serie zu gehen. 2012-03-13 15:47
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