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Best Exotic Marigold Hotel

USA 2011. R: John Madden. B: Ol Parker. K: Ben Davis. S: Chris Gill. M: Thomas Newman. P: Blueprint Pictures. D: Judi Dench, Bill Nighy, Penelope Wilton, Dev Patel, Celia Imrie, Ronald Pickup, Tom Wilkinson, Maggie Smith u.a.
123 Min. Fox ab 15.3.12

Kolonialrentner

Von Tim Lindemann Die ZDF-Serie Traumschiff funktioniert nun schon seit drei Jahrzehnten nach dem gleichen Prinzip: Verschiedene Gruppen von Menschen, alle mit ihren kleinen (niemals allzu schlimmen) Problemen und Geheimnissen, befinden sich für einen gewissen Zeitraum in einer abgeschlossenen Umgebung vor exotischer Kulisse. Nach Abschluß der Reise haben sich alle unterschiedlichen Probleme durch Interaktion der Reisenden untereinander gelöst. Freudentränen, Kapitänsdinner, Happy End. The Best Exotic Marigold Hotel, der neue Film von Shakespeare In Love-Regisseur John Madden, funktioniert nicht nur nach exakt demselben Konzept, er erzeugt, trotz britischem Top-Cast, zunächst auch das gleiche, gemütlich belanglose Gefühl der Serie. Mehr und mehr offenbaren sich dann aber doch Unterschiede, die vor allem in der unangenehm zynischen Grundhaltung des Films begründet liegen.

Durch jeweils unterschiedliche Umstände findet sich eine Gruppe von englischen Rentnern in dem als »Residenz für die Reifen und Schönen« angepriesenen Best Exotic Marigold Hotel in Indien ein. Alle sind sie vom Leben enttäuscht, teils verbittert, teils verblendet, und wollen nun im fernen Indien einen geruhsamen Lebensabend verbringen. Aber ach, das ehemals britisch beherrschte Schwellenland entspricht so gar nicht den Vorstellungen der älteren Herrschaften: Es gibt kein English Breakfast, der Komfort läßt zu wünschen übrig und alles ist so laut und gefährlich. Während sich manche (Maggie Smith, Penelope Wilton) zunächst gänzlich in ihrer Abscheu vor der fremden Welt verkriechen, läßt bei anderen (Judi Dench, Tom Wilkinson) die Selbstverwirklichung nicht lange auf sich warten: Man löst nicht nur die eigenen, kleinen Problemchen, sondern die der Einheimischen gleich mit. Denn, daran läßt der Film nie einen Zweifel, die Inder haben britische Hilfe noch immer dringend notwendig, ob nun in ökonomischen oder emotionalen Belangen.

The Best Exotic Marigold Hotel ist durchzogen von einer derart plumpen neo-kolonialen Ideologie, daß man abwechselt vor Scham im Kinosessel versinken oder fassungslos mit dem Kopf schütteln möchte. Daß Indien, Südamerika oder fernöstliche Länder im westlichen Kino zu hübsch präsentierten Hintergründen für die psychologische Entwicklung weißer Charaktere degradiert werden, ist nichts Neues. Daß ein Film aber mit solch grenzenloser Arroganz die normativierenden Eingriffe daheim gescheiterter Europäer in das Alltagsleben der »unzivilisierten« Orientalen feiert, ist zumindest im Mainstreamkino der Postmoderne äußerst selten geworden. Ein Beispiel: Evelyn (Judi Dench) ist ihr ganzes Leben lang Hausfrau gewesen, nach dem Tod ihres Mannes steht sie plötzlich vor dem Nichts – sie hat nie gearbeitet, ist der Welt um sie herum hilflos ausgeliefert. Ein fürchterliches Gespräch mit der (indischen) Telefonistin einer Service-Hotline gibt ihr den Rest, sie muß weg aus England. In Indien angekommen sucht sie nun nach einem Job und wird fündig bei, man ahnt es bereits, eben jenem Telefon-Center. Schon bald versammeln sich die jungen Inder mit großen Augen staunend um die weißhaarige Weise aus dem fernen England: Die Umsatzzahlen sind dank ihrer Beratung um ein Vielfaches gestiegen.

Ähnliche Dämlichkeiten leistet sich Ol Parkers Drehbuch am laufenden Band, garniert wird diese ewig gestrige Geisteshaltung dazu mit müden Scherzen über Durchfall, Herzinfarkte und Sex im Alter. Alibimäßig wurde außerdem die klischeetriefende Liebesgeschichte eines jungen indischen Pärchens eingebaut – am Ende benötigen aber selbst diese jungen, selbstbestimmten Menschen die Hilfe der kolonialen Greise, um zueinander zu finden. Inszenatorisch erstrahlt Indien in Maddens Film in knalligen Primärfarben wie aus der Reisebürofernsehwerbung. Schön anzuschauen ist das durchaus, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich hinter der harmlosen Traumschiff-Fassade von The Best Exotic Marigold Hotel ein zynisches und gleichzeitig unfaßbar langweiliges Machwerk verbirgt, das genau jene verknöcherte Geisteshaltung bedient, die es zu kritisieren behauptet. 2012-03-12 14:32
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