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Safe House

USA 2012. R: Daniel Espinosa. B: David Guggenheim. K: Oliver Wood. S: Richard Pearson. M: Ramin Djawadi. P: Intrepid Pictures, Moonlighting Films, Stuber Productions. D: Denzel Washington, Ryan Reynolds, Vera Farmiga, Brendan Gleeson, Joel Kinnaman, Sam Shepard, Rubén Blades, Nora Arnezeder u.a.
115 Min. Universal ab 23.2.12

Actionfilm als Bildungsroman

Von Tim Lindemann Ein ungeschriebenes Gesetz des Agentenfilms besagt: Es gibt immer mindestens einen »Maulwurf«, einen Überläufer aus den jeweils eigenen Reihen. Erst kürzlich ging Gary Oldman in Dame, König, As, Spion auf Verräterjagd, allerdings auf eher britisch unterkühlte Art und Weise. Wenn Hollywood aber zur Hatz auf einen Doppelagenten ausruft wissen wir: Ganze Städte werden nebenbei in Schutt und Asche gelegt und eine nicht enden wollende Blutspur durch die Welt gezogen. So auch in Safe House, der dabei allerdings einen riskanten Spagat riskiert: Zum einen präsentiert sich der Film als knallhartes Actionspektakel mit Explosionen, hemmunglosem Dauerfeuer und knochenbrechenden Faustkämpfen. Zum anderen versucht Regisseur Daniel Espinosa seinem Film mit der moralischen Entwicklung seines Protagonisten, dem CIA-Neuling Matt Weston (Ryan Reynolds), mehr Tiefe zu verleihen.

Ersteres Vorhaben gelingt insofern, als das der in Südafrika spielende Safe House durchweg zu unterhalten weiß – permanente Settingwechsel, vom Fußballstadion bis hin zum Township, und spektakulär choreographierte Actionszenen lassen zu keinem Moment Langweile aufkommen. Dazu punktet der Film mit einem clever stilisierten Look, dessen knallige Farben und texturreiche Oberflächen im angenehmen Kontrast zu den oftmals grau-blau getönten Bildern vieler moderner Politthriller stehen. Um so ärgerlicher ist es, daß Kameramann Oliver Wood (u.a. »Bourne«-Reihe) auf das längst zurecht geschmähte Stilmittel der MTV-Wackelkamera zurückgreift und damit die Dynamik der ohnehin temporeichen Szenen zerstört.

Inhaltlich überrascht Safe House zunächst mit einem angenehm unkonventionellen Einstieg: Debüt-Drehbuchautor David Guggenheim erzählt seine Geschichte um Verrat »ganz oben« aus Sicht von »ganz unten«. Wir folgen dem eintönigen Alltag des Agentenneulings Matt Weston, dessen Aufgabe darin besteht, das titelgebende »Safe House«, eine geheime Unterbringungsstätte für CIA-Gefangene zu bewachen. Erst mit dem Auftauchen der schillernden Verräterfigur Tobin Frost (Denzel Washington) wird diese Routine drastisch aufgebrochen und schon bald befindet sich Weston mit dem gefährlichen Überläufer auf der Flucht vor dessen zahlreichen Feinden. Ab diesem Zeitpunkt ist es auch schon wieder vorbei mit der Originalität, Guggenheim setzt nun auf altbekannte Versatzstücke des Thriller-Genres. So erweist sich etwa, daß der »Maulwurf« Frost das Herz ja eigentlich doch am rechten Fleck hat und somit zum Mentor des Neulings aufsteigen darf.

Eher ungeschickt ist auch der Versuch Espinosas, die reißerischen Actionszenen mit Westons Entwicklung zu konterkarieren: Während der Neuling nämlich in immer brutalere Gefechte gezwungen wird, seine Beziehung aufgeben muß und schließlich erkennt, daß auch seine Kollegen beim CIA alles andere als »good guys« sind, distanziert er sich mehr und mehr von seiner gewalttätigen Profession – das an den WikiLeaks-Skandal erinnernde Ende unterstreicht diese Wandlung mit einer Moral à la »Die Feder ist mächtiger als das Schwert.« Es fällt allerdings schwer, diese Botschaft einem Film abzunehmen, der seine Kampf- und Todesszenen so zelebriert wie Safe House – in einer der finalen Szenen etwa muß Weston einen Widersacher in einem schier endlosen Kampf mit bloßen Händen töten. Dazu kommt, daß die Einstellung des Films zu Westons Entwicklung eine zweischneidige ist: Einerseits lernt er die Schrecken des Blutvergießens kennen und verabscheuen, andererseits wird seine eigene fortschreitende Brutalität auch als ehrenhafte »Mannwerdung« inszeniert – nicht umsonst hat man wohl den eher auf Komödien spezialisierten Milchbubi Ryan Reynolds gecastet. Safe House ist dennoch Genre-Kino der besseren Sorte, am eigenen Anspruch einen Actionfilm als Bildungsroman zu erzählen scheitert er allerdings kläglich. 2012-03-05 10:04
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