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Devil Inside

The Devil Inside. USA 2011. R,B,S: William Brent Bell. K: Gonzalo Amat. S: Tim Mirkovich. M: Brett Detar. P: Prototype. D: Fernanda Andrade, Simon Quarterman, Evan Helmuth, Suzan Crowley, Ionut Grama, Bonnie Morgan, Brian Johnson, Preston James Hillier u.a.
83 Min. Paramount ab 1.3.12

Bologna versus Beelzebub

Von Matthias Wannhoff Wenn die Himbeere, wie sie alljährlich an den Abfall der US-amerikanischen Filmwirtschaft vergeben wird, das Gegenstück zur Lorbeere ist, dann trägt Devil Inside, wenn er diese Woche in Deutschland anläuft, wohl ein Maximum an Vorschußhimbeeren auf seinen schwachen Schultern. Die Meinung der US-Kritiker ist, wie der interessierte Kinogänger ohne Mühe in Erfahrung bringen kann, einhellig negativ; der Absturz an den dortigen Kinokassen eine Woche nach dem (sehr erfolgreichen) Start wohl auch der allgegenwärtigen Häme geschuldet; und die erbärmliche User-Bewertung in der »Internet Movie Database« dürfte auf ewig als Schandfleck am Google-Suchergebnis für diese völlig ironiefreie Exorzismus-Mockumentary kleben. Die Gründe hierfür sind schnell ausgemacht: Ein geradezu dreist uninspirierter Titel, das weitestgehende Vermeiden jeglicher Innovation, ebenso ein Verzicht auf die Einführung von Figuren und schließlich, man liest es in jeder zweiten Kritik, ein unverschämt abruptes Ende – ginge es nur nach formalen Kriterien, William Brent Bells Grusel-Schnellschuß wäre nicht der Rede und erst Recht nicht des Weihwassers Wert, das bei den Dreharbeiten angeblich verschüttet wurde.

Und doch ist Devil Inside interessant, wenn nicht als Kunstwerk, dann doch zumindest als interkultureller Kommentar. Bei aller Lieblosigkeit gönnt sich der Film nämlich eine erzählerische Prämisse, die so merkwürdig ist, daß insbesondere ein europäisches Publikum notgedrungen über sie stolpern muß. Um dem Schicksal ihrer vermeintlich vom Teufel besessenen Mutter nachzuspüren, geht Isabella, die Hauptfigur des Films, nämlich einen denkbar unerhörten Weg: Dieser Weg heißt Bildung, und er führt sie geradewegs in den Vatikan. So nah besagte Adresse auch liegen mag, so fern liegt doch das Bild, das der Film von diesem Ort zeichnet – beziehungsweise von der dortigen Exorzismus-Schule, in der nicht etwa, wie man denken könnte, theoretisch verbrämte Frontal-Prediger auf die Studenten losgelassen werden. Stattdessen liefern sich hier teils dandyhafte junge Männer aus aller Welt Streitgespräche über die Sitzbänke hinaus; im Anschluß wird das Gespräch bei Bier oder Wein fortgesetzt, und wie genau sich diese Menschen ihren späteren Berufsalltag vorstellen, bleibt ebenso unklar wie unerheblich. Kurzum: Devil Inside fängt bemerkenswert treffsicher die akademische Kultur des alten Europa ein, wo zweckfreies Lernen und Auslandsaufenthalte noch nicht dem Effizienzwahn zum Opfer gefallen sind – Bildung vor Bologna.

Doch, man ahnt es schon, allein im Hörsaal ist der Teufel nicht mehr als ein Theoriegespenst. Und so stoßen sich zwei besonders eifrige Studenten daran, was sonst eigentlich nur Kultusminister beklagen: die mangelnde Umsetzbarkeit von Wissen in Wirken, also fehlender Praxisbezug. Aus den Guerilla-Exorzismen, die Isabellas Kommilitonen aus diesem Defizit heraus am Heiligen Stuhl vorbei durchführen, wird Devil Inside dann schließlich zum prototypischen Beelzebub-Horror, mit verbogenen Körpern, Flüchen, plötzlicher Menstruation und allem Drum und Dran. Das ist handwerklich alles einwandfrei, bloß eben reichlich geschichts- und auch gegenwartsvergessen, weil ignorant gegenüber jeglicher ironischen Brechung, wie sie das Genre gut gebrauchen kann und wie sie in Der letzte Exorzismus unlängst auch meisterhaft geliefert wurde. Doch selbst dieser unheilige Ernst hat seinen Charme. Welches Teufelchen zum Beispiel war es, das die besessene Mutter der Hauptfigur unter der Hand als Pro-Life-Verfechterin, also Anhängerin christlicher Tugenden ins Drehbuch schreiben ließ? Ist es derselbe Beelzebub, der unsere sozialdemokratische Opposition hierzulande befallen hat, damit sie der führenden Christdemokratin gegen deren Willen ausgerechnet einen Pfarrer als Staatsoberhaupt aufdrängen mußte – um bei alledem ebenfalls keine Miene zu verziehen? Man mag es kaum aussprechen, aber in seiner weltfremden Verquastheit ist Devil Inside womöglich der Film zur Stunde. 2012-02-29 15:23
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