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Die vierte Macht

D 2011. R,B: Dennis Gansel. K: Daniel Gottschalk. S: Jochen Retter. M: Heiko Maile. P: UFA Cinema. D: Moritz Bleibtreu, Kasia Smutniak, Max Riemelt, Rade Serbedzija, Stipe Erceg, Mark Ivanir, Cosima Shaw, Michael Ihnow u.a.
115 Min. Universal ab 8.3.12

Hinter russischen Gardinen

Von Antonia Dedenbach Blickt man auf die bisherige Karriere von Dennis Gansel zurück, so gewinnt man schnell den Eindruck, daß insbesondere sozialkritische Filme sowie Inszenierungen mit (zeit-)geschichtlicher Relevanz sein favorisiertes Genre darstellen. Nach Das Phantom (2000), Napola – Elite für den Führer (2003) und Die Welle (2007) erscheint nun mit Die vierte Macht ein neuer packender Politthriller, der sich in Gansels Riege von Politik, Macht und Ideologie hinterfragenden Filmen einreiht.

Konzeptionell und quintessentiell greift Gansels neuer Film ein Sujet auf, welches er bereits in seinem Erstlingswerk Das Phantom preisgekrönt in Szene setzte. Die verschwörungstheoretische Annahme, daß hinter Attentaten von Oppositionsgruppen (wie beispielsweise der RAF) eigentlich einflußreiche Regierungs- und Wirtschaftsparteien stecken, werden in Die vierte Macht ins moderne Rußland transportiert.

Im übergeordneten Kontext des seit Jahrzehnten andauernden Konflikts zwischen Rußland und Tschetschenien erzählt der Film die Geschichte um den Berliner Szenejournalisten Paul Jensen, der in die Fänge des russischen Staatsapparats gerät. Jensen, der von Moritz Bleibtreu wie gewohnt glaubwürdig verkörpert wird, folgt nach einer mittleren Schaffenskrise in der Heimat dem Ruf seines Freundes zu einem Moskauer Boulevardmagazin. Zunächst gleicht sein sonst so eintöniges Dasein einer einzigen Party – bis zu dem Zeitpunkt, als er auf die geheimnisvolle Katya trifft. Mit der nötigen Berechnung, Kühle und Distanziertheit portraitiert die aufstrebende Schauspielerin Kasia Smutniak beeindruckend die Rolle der verführerischen Russin, die unweigerlich Jensens Erfahrungskette in Gang setzt. Die Negativereignisse in seinem Leben überschlagen sich. Ein Mann wird vor ihm auf offener Straße erschossen und die politisch engagierte Katya kommt ebenfalls vor seinen Augen bei einer U-Bahnexplosion (angeblich) ums Leben. Er selbst wird infolgedessen als dringend tat- und terrorverdächtig in ein russisches Gefängnis gebracht. Als Persona non grata gilt es schnellstmöglich freizukommen und mithilfe seiner eigenen Familiengeschichte seine Unschuld zu beweisen, und die eigentliche Wahrheit ans Licht zu bringen.

Der mit einem vielversprechenden Cast aufwartende Film ist ein ästhetisch-stimmiger und handwerklich gelungener Verschwörungsthriller. Die filmische Umsetzung eines komplexen Netzes aus medialen Verstrickungen, staatspolitischer Manipulation und individueller Korrumpiertheit überzeugt durch einen souverän gemeisterten Erzählrhythmus und eine ganz nach konventioneller Rezeptur enthüllende Dramaturgie. Gansel, der auch das Drehbuch zum Film lieferte, möchte hoch hinaus – so zumindest signalisieren es die Bilder. Aufwendige Spezialeffekte, ein actiongeladener Plot sowie eine Auswahl international etablierter Schauspieler verleihen dem Film den Hauch eines kleinen Hollywoodblockbusters. Als Bilderzeugnisse sind Action und Rasanz zwar tragende Pfeiler, sie spielen aber weder die Hauptrolle noch sind sie im Gesamtkonzept des Thrillers überzogen eingesetzt. Die Story wirkt, bis auf das etwas überraschende Ende, in sich geschlossen. Anmerken muß man allerdings, daß der Film an den teils langatmigen Gefängnisszenen etwas schwächelt. Ein Lichtblick ist in diesen Momenten vor allem der gebürtige Ukrainer Mark Ivanir, der der Rolle des inhaftierten Tschetschenen Aslan eine emotionalisierende Tiefe verleiht.

Trotz dieser kleinen Mängel und leichter Kritik an der stellenweise etwas zu kurz geratenen Psychologisierung der Nebencharaktere garantiert der Film durchgehend gute Unterhaltung. Die von Gansel ansehnlich verarbeitete Thematik einer Verschwörungstheorie sowie das Infragestellen von staatspolitischen Machtinstitutionen findet beim Zuschauer in verständnisvoller Form Zugang. Die Lokalisierung im russisch (-tschetschenischen) Milieu hat zu all dem auch noch eine aktuelle politische Brisanz. Die vierte Macht präsentiert ein zum Nachdenken anregendes Filmspektakel, daß das Publikum für fast zwei Stunden mit in einen meisterlich arrangierten Regierungskomplott involviert und sowohl bildlich als auch inhaltlich überzeugen kann. 2012-03-02 15:47
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