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Die Eiserne Lady

The Iron Lady. GB 2011. R: Phyllida Lloyd. B: Abi Morgan. K: Elliot Davis. S: Justine Wright. M: Thomas Newman. P: Pathé Films. D: Meryl Streep, Jim Broadbent, Alexandra Roach, Olivia Colman, Harry Lloyd, Iain Glen, Anthony Head, Richard E. Grant u.a.
105 Min. Concorde ab 1.3.12

The Iron Doors

Von Stefan Jung Meryl Streep ist eine der begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit, das ist allseits bekannt. Ihr Repertoire reicht von Comedy über Drama zum Polit-Thriller. Mit ihrer virtuosen Präsenz haucht sie kleinen wie großen Koryphäen auf der Leinwand gleichermaßen Leben ein. Auch könnte man sagen, daß sie als Superstar ihre Filme bisweilen überschattet.

Diesen schweren, eisernen Schatten spürt man in vielen Filmminuten von Die eiserne Lady. Auf ambitionierte Weise wägt der Film zwischen dem beruflichen und privaten Leben von Englands erster Premierministerin Margaret Thatcher (Streep) ab. Er stellt einen direkten Zusammenhang beider Sphären her, der ähnlich wie bei Clint Eastwoods J. Edgar mal mehr, mal weniger gut überzeugt. Da ist die junge Margaret, deren emanzipierter Charakter durch die Unruhen des Zweiten Weltkriegs geprägt wird. Eine Katastrophe als Auftakt. Sie dient, genau wie bei J. Edgar, als Zäsur, die Raum für Neues schafft. 18jährig (gespielt von Alexandra Roach) erhält sie einen Studienplatz in Oxford, was die immer Tüchtige in der Gesellschaft nach oben katapultiert. Sie lernt ihren späteren Mann Denis »DT« Thatcher (Harry Lloyd, Jim Broadbent) kennen. Er war ihr »stärkster Einfluß«, hat sie geprägt bis an ihr Lebensende. Im Film wirkt er auf den Zuschauer häufig wie ein Phantom, der seiner Frau auch nach dem Ableben noch permanent in Visionen erscheint. Ein nerviger, alter Geist, der Margaret mit seinen Allüren auf die Palme bringt. DT war der wichtigste Mensch in ihrem Leben, das macht uns der Film unmißverständlich klar. Die leider häufig unfreiwillig komischen Szenen werden von einer überkarikierten Ironie dominiert. Verständlicherweise war das auch der größte Kritikpunkt von Thatchers wirklichen Kindern Carol und Mark an dem Film, die ihn eher als »Fantasiegebilde« bezeichnet hatten (Daily Telegraph, Januar 2011), denn als ernstzunehmendes Biopic.

Der Film hat wirklich nette Szenen. Zum Beispiel, wenn die bereits etablierte Premierministerin und Vorsitzende der Konservativen Partei die hart arbeitenden Eisverkäufer in den Straßen Londons vor laufenden Fernsehkameras lobt und ihren Einsatz als »Basis der Gesellschaft« bezeichnet. Die Szene ist witzig, wenn man weiß, daß Thatcher ja eigentlich Chemie studiert und an der Entwicklung von Softeis mitgearbeitet hatte.

Dabei wird die Ernsthaftigkeit in diesem Film nicht übersehen, sie wird überstilisiert. Mit Hilfe von Sprachtraining (Erinnerungen an The King’s Speech) wird das Auftreten des Premiers sukzessiv formiert. Aus der keineswegs unsicheren, aber doch zurückhaltenden Frau wird eine überzeugende Rhetorikerin, die sich ihre Ansprachen jeden Abend mit Karteikärtchen ins Gedächtnis einbrennt. Die Sowjets gaben ihr den Spitznamen »Iron Lady«, aufgrund ihrer Strenge und Konsequenz. So eisern ihr Wille auch war, so geriet sie mit zunehmendem Alter immer häufiger in die Kritik auch ihrer engsten Mitarbeiter. Fast in der gesamten letzten Hälfte des Films werden die Motive von Ehrgeiz und beständiger Emanzipation zu Engstirnigkeit, ja Sturheit gewandelt. Gewandelt trifft es (leider), denn manche Charakterzüge Thatchers werden häufig nur angerissen und wenn doch weiter ausgeführt, dann in der redundanten Manifestation historischer Erlebnisse. Vor allem die Rückbeziehung auf die eigene Familie dominiert solche Momente, wirkt jedoch häufig überladen, spielte doch in Thatchers Vita das Privatleben eine bewußt untergeordnete Rolle. Aber auch hier gibt es Szenen, die durchaus überzeugen, beispielsweise wenn die gealterte »MT« versucht, einen DVD-Player zu bedienen, um sich ein digitalisiertes Familienvideo anzusehen. Streep spielt die nötige Unbeholfenheit einer ansonsten perfektionistischen Frau. Daß sie es schließlich doch schafft, erfüllt einen mit mehr Freude als ihr kühl kalkulierter politischer Aufstieg.

Das wirklich Gelungene an dem Film ist die konsequente, gut durchdachte Inszenierung von Räumlichkeit. Räume sind es, in denen sich das Leben von Thatcher vorrangig abgespielt hat. Ihr erstes Rendezvous mit Denis findet in der Universitätshalle von Oxford statt. Im »House of Commons« erprobt sie ihr später so berühmtes Durchhaltevermögen, aus Thatcher wird eine elegante und taktische Anführerin. So historisch-glorifiziert manche dieser Szenen, so ernüchternd ist ihr Familienhaus inszeniert. Zwei der drei Zeitebenen im Film, politische Hochzeit und Lebensabend, werden in den einengenden und sparsam ausgeleuchteten Räumen des sonst so geräumigen Anwesens reflektiert. Thatcher sucht immer auch den Blick nach draußen auf die Straße, wo das »wirkliche« Leben abläuft. Sie aber, die sich immer für das Wohl des Staates einsetzte, findet sich als Individuum permanent innerhalb ihrer selbst errichteten Mauern gefangen.

Zu selten gesteht sich der Film eine distanziertere Sichtweise auf die Protagonistin ein. Die wenigen Einstellungen, die das schaffen – die isolierte Darstellung Thatchers vor dem Planungsmodell während der Falkland-Operation – dürfen als makellos bezeichnet werden. Immer wieder wird ihre Präsenz jedoch überdominant. »Streep hat die Frau innerhalb der Karikatur gefunden«, schrieb ein US-Kritiker. Idealisierung trifft es wohl eher. Gerade Anfang und Schluß funktionieren so höchst elliptisch, werden reflektiert in der »eisernen« Mimik: Der Film beginnt mit einem regungslosen Antlitz und endet mit einem solchen. Auch beim Zuschauer. 2012-03-14 16:09
© 2012, Schnitt Online

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