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Shame

GB 2011. R,B: Steve McQueen. B: Abi Morgan. K: Sean Bobbitt. S: Joe Walker. M: Harry Escott. P: See Saw Films, Film4. D: Michael Fassbender, Lucy Walters, Mari-Ange Ramirez, James Badge Dale, Nicole Beharie, Carey Mulligan, Alex Manette, Hannah Ware u.a.
101 Min. Prokino ab 1.3.12

Scham und Abbild

Von Moritz Pfeifer Shame, der zweite Spielfilm des britischen Videokünstlers Steve McQueen, zeigt im ersten Bild einen in eine blaue Seidendecke gehüllten, nackten Mann. Brandon (Michael Fassbender) ist Mitte dreißig, und wohnt in einem schicken Apartment in New York. Hier, in der Anfangsszene auf dem Bett mit dem blauen Laken, hat der Film für ein paar Sekunden ikonographische Züge – in Blau werfen die Tücher unzähliger Marienfiguren ihre Falten. Dann geht es allerdings weniger keusch zu. Brandon sitzt in der Metro. Er beobachtet die anderen Fahrgäste, bis plötzlich heftige Atemzüge zu hören sind. Er wähnt sich in seinem Schlafzimmer, wo sich eine dunkelhaarige Frau zur Seite dreht und ein erschöpfter Brandon die Zimmerdecke anstarrt. Wieder zurück in der Metro, wecken die Beine einer gegenüber sitzenden blonden Frau sein Interesse. Von hier geht es zurück in Brandons Wohnung. Die Tür klingelt und eine junge Frau wird hereingebeten, bezahlt und ins Schlafzimmer begleitet. In der Metro werden der mittlerweile charmant lächelnden blonden Frau verstohlene Blicke zugeworfen. Bevor sich aber bei Brandon selbst die Mundwinkel verändern, ist man schon wieder in seinem Badezimmer und sieht ihn onanierend in der Dusche. Als die junge Frau den Zug verläßt, rennt Brandon hinterher, doch die Frau ist in der Menschenmenge nicht mehr zu finden.

In Shame triumphiert das Bild. Die Anfangsszene ist selbst wie ein Porno geschnitten. Nichts ist als Ganzes zu sehen, sondern wird zerstückelt und fragmentiert. Vor allem ist die Szene aber ein »gedachter« Porno. Jede Begegnung Brandons mit der Außenwelt führt zurück in sein Gedächtnis, wo sich jene zerstückelten Bilder eingebrannt haben, und jetzt frei nach Lust und Laune in der Welt aufgehen. Das maschinelle Klack-Klack-Klack des Zuges leistet dazu einen ersten Beitrag, denn ist nicht jede dauerhaft wiederholte Bewegung auf ihre Art obszön? In einer Szene gegen Ende des Films, wieder eine Fahrt in der Metro, erreicht diese Fragmentierung in ineinandergeschobenen Körperteilen Brandons und zwei Callgirls einen Höhepunkt. Zwischen Pobacken, Brustwarzen und sich entblößenden Nacken ist Brandon zu Hause. Die Begegnung mit dem Ganzen aber macht ihm Angst.

So schafft er es nicht, bei einem wirklichen Date in einer Suite mit Blick auf den Hudson Marianne (Nicole Beharie) zu befriedigen (aus seiner Sicht, denn die Frau entzückt schon der Versuch). Es lohnt sich, diese Szene kurz zu verdeutlichen, denn auch ihr geht ein Bild voraus, das eines Paares, dessen wilden Sex an einem Fenster Brandon von der Straße aus gesehen hat. In der Suite will die pornographische Mimesis jedoch nicht gelingen. Scham verdirbt das Spiel, denn das abgeguckte Verlangen tatsächlich mit Marianne zu erleben öffnet die Gefahr, im tiefsten Innern erkannt zu werden, nämlich als der, der eigentlich zuschauen möchte. Das ist Brandons Problem: Sein Verlangen ist so strukturiert, daß er im Triumph abgeschauter Vorstellungen eigentlich nur sich selbst sehen will. Nur kann dieses Verlangen nicht auf eine Frau übertragen werden, die er als Publikum aus Schamhaftigkeit ausschließt. Dafür muß er sich dann wieder ein Callgirl rufen, mit der die Aktion am Fenster keine Scham bereitet. Weil Schein hier von vornherein Teil der Bedingung ist, kann sein wirkliches Verlangen geheim gehalten werden. Eine Frau, die es vielleicht selbst gerne am Fenster gemacht hätte, ist bedrohlich, denn sie würde den Schein durchbrechen und ihm als wirklicher Spiegel zu nahe treten. Die Bedrohlichkeit ist aber gleichzeitig das Erregende, zu erregend, sodaß Brandon bei dem Versuch mit dem Date gleich zum Schluß kommt. Nichts ist erregender als Angst. Nur dort, wo es die Gefahr nicht mehr gibt, nicht zu können, funktioniert Brandon ausgezeichnet.

Was ist Scham? Scham ist die Angst vor der von der Welt gesehenen Wahrheit des entblößten Selbst. Brandon meint, so leben zu müssen wie im Porno. Er möchte selbst ein Abbild werden. Das Abbild erregt, denn es erfüllt in ihm die Vorstellung, von der er glaubt, daß andere sie sich von ihm machen. In der Empfindung über das Abbild äußert sich die Reaktion, die er über dieser Bedrohung aufbaut. Die Empfindung über das Abbild zeugt ein neues Abbild, indem es den Glauben an die Perfektion verfestigt, und dem Verräter Recht gibt, der das Abbild von innen sabotiert. 2012-02-24 15:46

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