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¡Vivan las Antipodas!

D/NL/RA 2011. R,B,K,S: Viktor Kossakowski. M: Alexander Popov. P: ma.ja.de., Lemming Film BV.
108 Min. Farbfilm ab 23.2.12

Nix als Wasser

Von Christian Lailach Du gehst ins Kino. Saal 8. Cinestar. Wow! Und was dich gleich erwartet… Das geht nur hier! Du gehst hinaus und denkst, nein, dies funktioniert wohl kaum auf einer kleineren Leinwand! Sicher. Doch, klar. Nur eines ist noch viel klarer. Dies ist ein Kinofilm. Keine Pausetaste, egal wo. Kein kurzes Verschwinden… Du kannst ihm nicht entweichen. Es sind die kleinen Geschichten, die das ganz Große erzählen. Es mag pathetisch klingen, doch es soll ein einziges Mal gesagt sein: Gute Projektion! Vorhang: Auf!

Nun, als sich dann der Vorhang öffnet. Auch ohne große Ankündigung. Da dreht sich die Erde, klar. Oben die Landschaft, unten das Spiegelbild. Allmählich beginnt die Kamera sich zu drehen. Dann steht sie quer. Und langsam erkennst du, daß es sich hierbei gar nicht um das Spiegelbild handelt, ein Turm, der paßt nicht.

Kossakowski, in selten gesehener Personalunion, präsentiert Antipoden. Nein, er inszeniert sie. Antipoden, die Orte, die sich auf der Erde gegenüber stehen. Meist triffst du, bohrtest du dich einmal hindurch, auf Wasser. Ozeane. Nichts. Im Grunde. Doch an wenigen Stellen liegen sich Landflächen tatsächlich gegenüber. Diese besucht Kossakowski und sucht nach Widersprüchlichkeiten, Gemeinsamkeiten. Er präsentiert auf zurückhaltende Art die einsame Steppe Argentiniens, Entre Rios, und stellt dieser Chinas Shanghai gegenüber; zwei Gauchos gegen hunderte Mopeds. Patagonien in Chile, ein scheinbar einsamer Hirte. An seinem Gegenüber der Baikalsee, eine nicht weniger einsame Russin. Plakativ! Nein, das Überzeugende liegt in der Art und Weise, der Inszenierung. Selbstverständlich geht es hierbei um die Offensichtlichkeiten, die Ruhe, den Trubel; den Hirten, die Frau. Doch weit darüber hinaus vermitteln die Geschichten in ihrem Inneren eine Tiefe, die in Weiten der Gesellschaft vordringen könnte. Wenn nicht du nur einer von vielen wärst, nicht allzu vielen am Ende.

¡Vivan las Antipodas! mag vieles vorgeworfen werden. Ein störrischer Regisseur, ein Russe. Egal. Hollywood funktioniert nicht anders. Kossakowski verfolgt ein Ziel, ein auf vielfältige Weise zugängliches. Und damit unrundes. Hier argentinischer Wegezoll, vis-à-vis ein Anleger in Shanghai. Zwei gleiche Mechanismen, globalisierte versus Hinterwelt. Fortschritt versus Rückschritt, eben. Leben. Zwei für einander bestimmte Hirten; Chile und Irkutsk. Emotionalität, ganz klar. Kubu in Botswana und Big Island auf Hawaii; Dorf-Alltag gegen Urgewalten, Lavaströme, westlich ungewohnten, doch gelebten Alltag. Ein Fels, irgendwo in Spanien, der dem Schatten eines gestrandeten Wals in Neuseeland ähnelt. Ameisen gegen Kettensägen.

Auch wenn die stilisierten Ebenen ein wenig anstrengen mögen, du Redundanzen entdeckst, das Prinzip verstanden hast; Kossakowski bringt dir die Welt ein wenig näher. Er stellt einander gegenüber, was auf irgendeine Art nicht zueinander paßt; und es letztlich doch tut. Und dies gelingt ihm einzigartig. Einzigartig konsequent. Seine Sturheit könnte ihm an seinem, diesem einzigen Antipode zum Verhängnis werden. Doch hierzulande, solltest du meinen, ist ein Aufbruch im Gange. Egal ob Bürger begehren, Währungen wackeln oder Systeme immer wieder in sich zusammenfallen; sie alle verbindet eines, eine Besinnung auf das Eigentliche. Es ist ein System, egal ob Tausende oder ein Einzelner. Das System muß funktionieren, am Laufen gehalten werden. Morgen ist ein neuer Tag und keiner weiß im Grunde, was er tatsächlich bringen wird. Ob gestrandete Wale oder bankrotte Banken, die Herausforderung wartet und nicht selten ist sie eine neue Unbekannte in deiner doch so kleinen, doch groß erscheinen mögenden Welt.

Du wolltest nicht nach den Unterschieden Ausschau halten, denn die Gemeinsamkeiten sind gewissermaßen die verbindenden Eigenschaften. Wie trivial! Ein wenig zu trivial, meinst auch du. Den Mut zur Einfachheit bringst auch du selten auf. Kossakowski traut sich, traut sich die Kamera laufen zu lassen, die Geschichte sich selbst erzählen zu lassen. Kein großer Masterplan, nur eine Idee, die ihn vorantreibt. Und letzten Endes kommt es doch ganz anders, als du denkst.

Da ist er wieder. Dieser Frosch. Craw, craw, craw. In der nächsten Einstellung stehen die beiden auf dem Hügel. Die Wassermassen um sie. Und Shanghai ein bisschen näher. 2012-02-17 15:55

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