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Sommer auf dem Land

D/PL/FIN 2011. R,B: Radoslaw Wegrzyn. B: Cezary Iber, Roberto Gagnor. K: Till Vielrose. S: Agnieszka Glinska. M: Daniel Sus. P: Black Forest Films, DETA iLFILM, Café Production, Snapper Films. D: Zbigniew Zamachowski, Agata Buzek, Antoni Pawlicki, Wiktor Zborowski u.a.
93 Min. Farbfilm ab 16.2.12

Reinkuhnation

Von Tamar Baumgarten-Noort Bevor sie gemeinsam auf die Bühne ins Rampenlicht treten, knutschen sie wild hinter dem Vorhang. Keine Popidole, sondern ein Konzertpianist und seine Frau, eine gefeierte Operndiva. Beide in den mittleren Jahren, aber noch verliebt wie damals am Strand, als sie noch Kinder waren und er ihr versprach, daß er alles für sie tun werde.

Doch schon zu Beginn des Films ist sie tot. Nur in Rückblicken erfährt der Zuschauer von dieser großen Liebe – und so setzt der Film bei dem Dilemma an, das der trauernde Bogdan bewältigen muß. Auch er kann seine Iza nur noch in Rückblicken erreichen. Sie ist jetzt Teil seiner Vergangenheit, aber er will sie mit aller Gewalt hinüberzerren in die Gegenwart. Iza lebt weiter, davon ist er überzeugt – wenn auch nicht ganz in der bisher gewohnten Form. Er ist sich sicher, sie sei als Kuh wiedergeboren. Bogdans streng katholisches polnisches Heimatdorf ist zwar einhellig der Meinung, der arme Mann habe den Verstand verloren, aber das ist noch lange kein Grund, ihn aus der Gemeinschaft auszuschließen. Nur seine Tochter Anja steht mit der neuen Daseinsform ihrer Mutter auf Kriegsfuß.

Sommer auf dem Land erzählt davon, wie die Bewältigung großer Trauer ziemlich absurde Blüten treiben kann – und trifft dabei zielsicher den Ton zwischen großer Tragik und leiser Komik. Bogdans abwegige Ideen folgen einer eigenen Logik – Gesetzmäßigkeiten einer Welt, in der sich nur Bogdan zurechtfindet. Daß diese Figur glaubwürdig bleibt und ihre Logik gar mit viel Würde vorzutragen weiß, ist Zbigniew Zamachowski zu verdanken. In seiner Interpretation der Figur des Trauernden schwingt ein leidenschaftliches, spielerisches Leben-Wollen mit. Den Gegenpol dazu verkörpert Agata Buzek als Tochter Anja. Auch sie möchte das Leben wieder aufnehmen – sie weiß nur nicht wie. Buzek gibt der Figur eine bodenlose Traurigkeit, die die volle Breitseite des Verlustes spürbar macht – und trägt den Film damit durch die absurdesten Wendungen. »Hast Du den Verstand verloren?« fragt die Tochter den Vater. »Ich habe meinen Glauben gefunden. Das ist wohl eine andere Art, verrückt zu sein«. Wie wahr. 2012-02-11 13:44

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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