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Gefährten

War Horse. USA/IND 2011. R: Steven Spielberg. B: Lee Hall, Richard Curtis. K: Janusz Kaminski. S: Michael Kahn. M: John Williams. P: Amblin Entertainment, Kennedy, The Marshall Company. D: Tom Hiddleston, David Thewlis, Toby Kebbell, Emily Watson u.a.
147 Min. Walt Disney ab 16.2.12

Die Rettung des Vaters

Von Martin Thomson Oftmals reicht schon die Erwähnung seines Namens, damit Autorenfilm- Fundamentalisten den fauligen Gestank von Kommerz und Kulturindustrie zu riechen vermeinen. Um diese unverbesserlichen Mainstreamfeinde soll es hier nicht gehen, denn das Debakel, das nun Gefährten darstellt, wird nur jene treffen, die in Steven Spielberg immer schon mehr gesehen haben: So etwas wie einen Vater, der die Nöte und Ängste in der eigenen Kindheit verstand. Einer, der die Rolle des Spielkameraden genau so mühelos beherrschte wie die des Lehrers. In Ödipusmanier mit ihm abzurechnen, dafür hat man zu viel von ihm gelernt, auch wenn man nach Gefährten wohl nicht umhin kommen wird, sein System erstmals zu hinterfragen.

Spielberg beschließt seine Filme in der Regel mit Kitschorgien, aber je konsequenter er zuvor den Blick auf unbarmherzige Machtverhältnisse richtet, desto in sich gebrochener fühlen sich diese Enden zumeist an. In seinen besten Produktionen hat er um die Versöhnungsbilder herumgefilmt oder sie zumindest für einen Moment aufgespart, wo sie dann wie eine legitime Kompensation für das mühevolle Ringen um Enthaltsamkeit wirkten. In Gefährten jedoch befindet man sich schon am Anfang dort, wo die meisten Spielberg-Filme aufhören. Der Erste Weltkrieg schiebt sich nur wie eine Anomalie dazwischen. Vielleicht weil Auschwitz und D-Day nach einer Mäßigung verlangten, während die Blutmühle von Verdun längst schon keine Rolle mehr im diskursiven Alltag spielt, toben sich er und sein Kameramann Janusz Kaminski ästhetisch nun um so exzessiver auf dem Schlachtfeld aus. Betörende Tableaus im Stil von Akira Kurosawa werden aufgefahren, was nicht weiter schlimm wäre, wenn sie irgendwas mit der Wahrnehmung von irgendwem zu tun hätten und nicht einfach nur schön wären.

Das Hauptproblem von Gefährten besteht darin, daß Spielberg die glorreiche Idee, nicht einen Soldaten, sondern ein Schlachtroß in den Mittelpunkt eines Kriegsfilms zu rücken, dadurch verrät, daß er es nur benutzt, um sein Episodenkarussell am Laufen zu halten. Für eine ernstzunehmende Charakterzeichnung der Zweibeiner scheint er sich dabei genau so wenig zu interessieren wie für den vierbeinigen Joey. Die Gleichsetzung von Mensch und Tier scheint die Gleichgültigkeit gegenüber beiden vorauszusetzen, weswegen sich der hohle Gesichtsausdruck des Hauptdarstellers auch nicht sonderlich von dem zwangsläufig nichtssagenden des Gauls unterscheidet.

Gefährten ist aber vor allem deswegen so ärgerlich, weil man in jeder scheiternden Sekunde dieses Films weiß, daß es Spielberg auch besser hätte hinbekommen können, wenn er sich nur ein bißchen zurückgehalten hätte. Nur eine einzige Sequenz – sie hat mit einer Konfrontation zwischen Maschine und Kreatur zu tun – ragt wie eine Blume aus diesem manieristischen Misthaufen heraus: Wer sie entdeckt, der vermag den Vater dann vielleicht doch noch zu retten. Auch wenn das früher immer umgekehrt war. 2012-02-10 19:49

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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