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Die Unsichtbare

D 2011. R,B: Christian Schwochow. B: Heide Schwochow. K: Frank Lamm. S: Jens Klüber. M: Can Erdogan. P: teamWorx Television & Film. D: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Christina Drechsler, Ronald Zehrfeld, Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Matthias Weidenhöfer u.a.
113 Min. Falcom ab 9.2.12

Die Spielwütige

Von Sven Weidner Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat 2004 mit seiner Doku Die Spielwütigen vier einprägsame und gleichermaßen mitfühlende wie auch intelligente Porträts von vier Schauspielern geliefert, die er über sage und schreibe sieben Jahre begleitet hat. Von ihrer Aufnahme in die mit viel Renommee bedachte Schauspielerschmiede »Ernst Busch« in Berlin, auf die es nur ganz wenige überhaupt schaffen, über den dornigen Weg ihrer Ausbildung bis hin zu ihrem Abschluß. Überaus facettenreich, ja manchmal auch schmerzend sind die Einblicke in die Welt der jungen ambitionierten Schauspieler, ihrer Nervenkriege, ihrer Selbstzweifel, Nöte und Ängste. Gleichwohl läßt Veiel die kleinen wie großen Triumphe seiner Protagonisten nicht aus, und ungeschönt, in einer Unmittelbarkeit, als sei man selbst zugegen, muß man die Monomanien so mancher Lehrender mitertragen, die sich selbst zu Zadekscher Größe erheben. Der weithin existierende Mythos von der Schauspielerei, allenthalben verklärt, wird in diesem Film entzaubert.

Christian Schwochows zweiter Spielfilm kreist um die Schauspielerschülern Josephine Lorentz, gespielt von der Dänin Stine Fischer Christensen. Christensen ist den Freunden des skandinavischen Kinos aus Susanne Biers Film Nach der Hochzeit bekannt, der international bekannt und auch für den Oscar als »bester fremdsprachiger Film« nominiert wurde. Die Geschichte von Josephine ist gleichsam eine Reise des Wachsens und Erwachsenwerdens, bei der ihr schmerzhaft die Flügel gestutzt werden. Unerwarteterweise wird sie vom egozentrischen Regisseur Kaspar Friedmann, der sich selbstredend als der Gralshüter der hohen Regiekunst par excellence versteht, für eine Rolle ausgewählt. Mit dieser Wahl nimmt die Geschichte ihren Lauf, und in fast zwei Stunden führt der Filmemacher in die diversen Parallelwelten der Protagonistin ein. Parallelwelten, drei an der Zahl, durch die sich Josephine laviert.

Da gibt es zum einen ihr Dasein als Schauspielerin, die an der Konfrontation mit dem monomanischen wie cholerischen und narzißtischen Theaterregisseur Friedmann beinahe zugrundegeht. Ulrich Noethen, Teil der deutschen Schauspielcrème, geht in dieser Rolle auf, und seinem arroganten, selbstherrlichen Gehabe schaut man gerne zu. Er buchstabiert seine Autorität im Theater mit Wonne durch und nur in wenigen Momenten pellt er die Haut des einsamen Wolfs ab. Josephine holt sich bei Theaterproben nicht nur körperliche, sondern auch seelische Blessuren, und ein intimes Verhältnis zwischen dem Regisseur und der Jungschauspielerin darf natürlich nicht ausbleiben.

Die Geschichte vom Old wise Guy, der sich dem Young unexperienced Girl nähert, wird auch hier aufs Tablett gebracht. Die nervenaufreibenden, für alle Beteiligten zermürbenden und auch demütigenden Theaterproben werden immer wieder durchexerziert; die Kamera ist oftmals mit vielen Nahaufnahmen wie auch Detailaufnahmen an den Gesichtern und auch an der verunsichernden, kämpfenden Josephine dran. Mit einer wackeligen Handkamera folgen wir der Protagonistin in das verschlungene Innere des Theaters, in U-Bahnschächte oder in die Badewanne zu ihrer behinderten Schwester. Die matten Farben spiegeln das Ausgelaugtsein aller Figuren und die vielen Aufnahmen von den Proben.

Josephine verinnerlicht ihre Rolle so sehr, daß sie sich im Sinne der Schauspielmethode von Lee Strasberg vollends mit der Figur, also mit ihrer Rolle als Camille, identifiziert. In ihrer Freizeit schlüpft sie völlig undifferenziert und beinahe schizoid in diese Figur hinein. Sie kleidet sich nicht nur wie Camille, sondern sie agiert auch wie diese. Um der sexuellen Obsession von Camille gerecht zu werden, beginnt sie relativ ziellos eine Liebesaffäre mit einem Tunnelarbeiter, der es aber im Gegensatz zum Regisseur ernst mit ihr und ihren Gefühlen meint. Ihre zweite Parallelwelt.

Und dann: die dritte Welt von Josephine, ihre Familie, die aus ihrer Mutter und ihrer geistig behinderten Schwester besteht. Die Familie ist ein Gegenentwurf zu ihrem sonstigen Leben, und Josephine schafft es, mit der hochgradigen geistigen Behinderung Jules zwar zurechtzukommen, merkt aber, daß auch sie die familiäre Situation heillos überfordert. Dies kulminiert in einer Art Wutanfall darin, daß Josephine ihre Schwester beinahe mit einem Kissen erstickt. Hier ist insbesondere die bravouröse, intelligente, kraftvolle schauspielerische Leistung von Christina Drechsler zu erwähnen, die die geistig behinderte Schwester Jule völlig authentisch spielt.

In einem Beitrag anläßlich der diesjährigen Hofer Filmtage im Deutschlandradio vom 29.10.2011 erklärt Regisseur Christian Schwochow sinngemäß, daß er einen Film machen wollte, der eine überforderte Jugend zum Thema hat, eine Jugend, die unter einem enormen Druck stünde, ihren Weg für die nächsten Jahre zu bestimmen. Diesem Ansinnen ist der Filmemacher sicherlich gerecht geworden und er reiht sich damit ein Stück weit ein in den Duktus sozialpsychologischer Annäherungen an junge Erwachsene, die sich ihre Bewältigungsstrategien basteln müssen, um im Strom mitschwimmen zu können.

Problematisch ist die sprichwörtliche und stellenweise überhandnehmende Fokussierung auf die Hauptfigur, da hierdurch der Handlungs- und Entfaltungsspielraum anderer Figuren wie Konflikte erdrückt und marginalisiert werden. Die Konfliktsituationen, vor allem aber die Menge der Konflikte und Hürden, sind in ihrer dramatischen Aneinanderreihung zu viel und reduzieren dadurch die eigentliche Dramaturgie. Aber Schwochow geht hier –wie viele Filmemacher- einer merkwürdigen Gleichung auf den Leim, die da lautet: viel Konfliktpotential, viel Hindernisse, viele Zuspitzungen, viele menschliche Abgründe = guter Film. Weniger ist manchmal mehr und zwar nicht nur in der Architektur oder im Design. 2012-02-06 08:21
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