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In Darkness

D/PL/CDN 2011. R: Agnieszka Holland. B: David Shamoon. K: Jolanta Dylewska. S: Mike Czarnecki. M: Antek Lazarkiewicz. P: SCHMIDTz KATZE FILMKOLLEKTIV, ZEBRÂ Film Studio. D: Robert Wieckiewicz, Benno Fürmann, Agnieszka Grochowska, Maria Schrader u.a.
144 Min. NFP ab 9.2.12

Dunkle Machenschaften

Von Nils Bothmann Dunkelheit evoziert Angst bei demjenigen, der sie betreten muß, könnte darin doch unvorstellbares Grauen lauern. Doch was wäre, wenn sie der einzige Rückzugsort auf der Flucht vor unvorstellbarem, im Hellen geschehendem Grauen wäre? Dieser Idee geht In Darkness nach, der die wahre Geschichte einer Gruppe von Juden aus dem Ghetto im polnischen Lvov und ihres einheimischen Helfers, des Kanalarbeiters Leopold Socha, erzählt. Socha bringt die Schutzbedürftigen, als sie angesichts der »Säuberung« des Ghettos durch die Nazis in die Kanalisation fliehen, dort in möglichst abgeschiedenen Kammern unter. Erst gegen Bezahlung, später aus neu erwachtem Idealismus.

Agnieszka Holland, deren Familie väterlicherseits im Ghetto von Warschau ermordet wurde und die bereits mit Hitlerjunge Salomon Erfahrungen mit dem Thema sammelte, bebildert die Geschichte des zermürbenden Versteckens an einem unwirtlichen Ort mit handwerklicher Perfektion. Der saubere Schnitt weiß den Rhythmus in der mit Ellipsen arbeitenden Erzählung zu halten, obwohl die Lücken zwischen einzelnen Szenen teilweise Wochen und Monate umspannen. Die Ausleuchtung schafft gekonnt den Spagat zwischen der Idee, einerseits Dunkelheit vermitteln zu wollen, andererseits aber noch genug von dem größtenteils unterirdisch spielenden Geschehen erkennen zu lassen. Auch die Kameraarbeit überzeugt mit einem Faible für lange Einstellungen, die der Film auch gerne ausstellt, etwa in einer Plansequenz, die einer von Maria Schrader gespielten Jüdin bei ihrem Weg durch das von Soldaten überrannte Ghetto folgt, oder einem langsamen Schwenk, der ohne Schnitt die komplette Kammer zeigt, in der Socha zehn Ausgewählte versteckt. Ebenso lobenswert sind die Leistungen des Darstellerensembles, das neben der deutschen Beteiligung mit Benno Fürmann, Herbert Knaup und Maria Schrader auch noch mit dem hierzulande unbekannten, jedoch famos spielenden Robert Wieckiewicz in der Rolle des Leopold Socha punkten kann. Unschön ist allerdings die deutsche Synchronisation, die fast vollends ausbügelt, daß in der Originalfassung des Films sechs verschiedene Sprachen sowie ein Dialekt gesprochen werden.

Jedoch erliegt das Drehbuch dem Irrtum, daß eine außergewöhnliche, aber dennoch wahre Geschichte automatisch einen packenden Film ergibt. In der ersten Hälfte präsentiert sich Hollands Film als eine Aneinanderreihung von Szenen, denen jedoch der richtige Fluß fehlt, um wirklich spannend zu wirken, deren Auslotung menschlicher Abgründe an der Oberfläche bleibt. Erst in der zweiten Hälfte, in der Socha zunehmend die Konsequenzen seines Handelns erkennen muß, als zehn seiner Landsleute für den Mord an einem Soldaten durch ihn und einen seiner Schützlinge gehängt werden, als man ihm auf die Schliche zu kommen droht, beginnt In Darkness wirklich interessant zu werden. »Besser spät als nie«, sagt der Volksmund. »Warum nicht gleich so?«, fragt der weniger freundliche Rezensent. 2012-02-05 20:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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