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Der Junge mit dem Fahrrad

Le gamin au vélo. B/F/I 2011. R,B: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne. K: Alain Marcoen. S: Marie-Hélène Dozo. P: Les Films du Fleuve, Archipel 35, Lucky Red. D: Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Egon Di Mateo, Olivier Gourmet, Batiste Sornin, Samuel De Rijk u.a.
87 Min. Alamode ab 9.2.12

Die Umarmung

Von Moritz Pfeifer Cyril, ein zwölfjähriger Junge, ist auf der Suche nach seinem Vater. Der hat ihn vor einem Monat in einem Heim ausgesetzt und dann seine Adresse geändert. Cyrils geliebtes Fahrrad hat er verkauft. Aber der Junge scheint unerschrocken, wenn nicht sogar dickköpfig. Er will seinen Vater wieder und vor allem sein Rad. Durch einen glücklichen Zufall trifft er in einer Arztpraxis im Erdgeschoß des ehemaligen Wohnhauses seines Vaters auf Samantha, die sich dazu bereit erklärt, Cyril übers Wochenende aufzunehmen. Samantha findet das Rad und auch den Vater, aber der will seinen Sohn nicht wieder sehen. Das sei zu schwierig. Sich selbst dem Sohn mitzuteilen, ist aber auch nicht leicht. In einem schmierigen Gangster findet Cyril schließlich einen Ersatzvater, was die geduldige und sanftmütige Ersatzmutter nicht sehr glücklich macht. Cyril hat aber ohnehin keine Lust auf die Güte Samanthas, jedenfalls zieht er die Freundschaft des Gangsters vor, der ihn dazu benutzt, einen Raubüberfall zu begehen, dann aber schnell wieder fallen läßt, als der Coup anders als geplant verläuft. Das Sitzengelassenwerden wiederholt sich. Da ist verständlich, daß es den unruhigen Cyril ständig vom rechten Weg ab führt, in den Wald, ins Gebüsch und auf Bäume. Die Natur verspricht mehr Sicherheit als die Gesellschaft. In der Tat wirkt die Geborgenheit bei Samantha eher bedrohlich, ein Kinoabend mit einem brillentragenden Nachbarjungen interessiert Cyril nicht. Nur sehr langsam lernt Cyril Samanthas Liebe schätzen. Mit derselben Sturheit, mit der er am Anfang seinen Vater gesucht hat, trägt er am Ende, trotz eines letzten Abstechers in den Wald, die Kohle für einen Grillabend mit dem Nachbarjungen nach Hause.

In dem neuen Film der Dardenne-Brüder, Der Junge mit dem Fahrrad, steckt viel Hoffnung. Im Gegensatz zu den eher trübseligen Vorgängern hat dieser Film Märchencharakter. So äußerten sich die Regisseure selbst. Sicher, Samantha ist eine Fee, deren Charme den teuflischen Jungen bändigt. Am Ende siegt Cyrils Verantwortung zur Vernunft.

Dennoch unterscheidet sich der Film nicht wesentlich von den anderen Dardenne- Filmen, zumindest denen, die von heranwachsenden Kindern handeln – Das Versprechen, Der Sohn und selbst Das Kind. Wer die Filme gesehen hat, wird sich zum Beispiel daran erinnern, daß auch hier immer eine Umarmungsszene im Mittelpunkt stand. In Der Junge mit dem Fahrrad wird Samanthas Empathie dadurch geweckt, daß Cyril sich in der Arztpraxis an sie klammert. In Das Versprechen zum Beispiel krallt sich der junge Igor, der in dem Film nicht viel älter ist als Cyril, um Assita, eine Afrikanerin, deren Schicksal in seinen Händen liegt. Auch hier geht es um Verantwortung, denn Igors Vater verheimlicht den Tod von Assitas Mann vor ihr, der Igor kurz vor seinem Tod den Auftrag gegeben hat, sich um seine Frau und ihr Neugeborenes zu kümmern. Jetzt will Igors Vater sie in Köln auf den Strich schicken. Igor muß sich wie Cyril entscheiden zwischen einer korrupten und zerstörerischen Vaterwelt und einer zerbrechlichen Mutterwelt.

Umarmungen sind nie einseitig. Samantha ist genauso verwundbar wie Cyril. Sie wird auch Gründe dafür haben, daß sie den fremden Jungen braucht. Schließlich ist es ja der Junge, der Samantha umarmt, als würde er auch ihre Bedürftigkeit ahnen. Warum sollte sie nicht genauso einsam sein wie er? Die Umarmung ist sympathisierend, und deshalb immer auch geteiltes Leid. Im Buch Kohelet heißt es »eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen.« Die Umarmung der Dardenne- Brüder folgt diesem dialektischen Prinzip. Auf die Empathie der Umarmung folgt das allmähliche Sich-Trennen, das Zurückfinden zu sich selbst. Das Lösen der Umarmung führt zur Selbstständigkeit.

So ist Cyrils Annäherung nicht nur Verzweiflung, sondern Vorahnung. Bei den Dardenne-Brüdern haben Beziehungen keine agnostische Zufälligkeit, sondern finden als vorbestimmte Begegnungen statt. Wie in vielen Dardenne-Filmen wird der realistische Schein durch Mystik durchbrochen. In Der Junge mit dem Fahrrad, aber auch in Das Versprechen, ist die Umarmung ein Entschluß. Er ist eine Art solidarischer Pakt aus der Misere. Hier lag schon immer die Hoffnung der Dardenne-Filme. Wo eine Umarmung ist, wird alles gut. 2012-02-04 17:44

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