— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Kunst zu gewinnen – Moneyball

Moneyball. USA 2011. R: Bennett Miller. B: Steven Zaillian, Stephen J. Rivele, Aaron Sorkin, Christopher Wilkinson. K: Wally Pfister. S: Christopher Tellefsen. M: Mychael Danna. P: Michael De Luca Productions, Specialty Films, Scott Rudin Productions. D: Brad Pitt, Jonah Hill, Ken Medlock, Philip Seymour Hoffman, Chris Pratt, Kerris Dorsey, Robin Wright, Stephen Bishop u.a.
133 Min. Sony Pictures ab 2.2.12

The Social Teamwork

Von Dominik Bühler Baseball, Statistik und Brad Pitt. Stichworte, die bei vielen wahrscheinlich nicht mehr als ein abwinkendes Gähnen auslösen, im Fall von Die Kunst zu gewinnen – Moneyball aber ein unterhaltsames und klug über diese Koordinaten hinausweisendes Drama ergeben.

Billy Bean ist der sportliche Manager der Oakland Athletics, die den Verlust wichtiger Spieler verschmerzen müssen und sich ob des niedrigen Etats keinen nominell gleichwertigen Ersatz leisten können. Bean sieht die einzige Chance darin, etwas von Grund auf zu ändern. Er begegnet dem Yale-Absolventen Peter Brand und beginnt, basierend auf dessen Ideen zu einer alternativen Analyse und Bewertung der Qualität von Spielern, nicht mehr auf teure und hoch angesehene, sondern auf unterschätzte Spieler zu setzen und das Geschäft damit umzukrempeln. Dabei kommt es zu sehr schönen Szenen. Bean versucht, die alteingesessenen Scouts zur Problemanalyse zu bewegen, statt wie bisher weiterzumachen und einen Spieler beispielsweise abzuurteilen, weil dessen häßliche Freundin sein fehlendes Selbstbewußtsein belege. Auf Widerstand stößt Bean auch beim Trainer der Mannschaft, den Philip Seymour Hoffman mit steifer Verbissenheit ausstattet und damit für subtile Komik sorgt. Ohnehin steckt in diesen Konfrontationen und in den Dialogen zwischen Bean und Brand viel unterschwelliger Witz, der für Schwung sorgt, dabei aber nie die Ernsthaftigkeit des Films antastet. Vom Sport selbst sieht man über weite Strecken wenig. Die Spielszenen orientieren sich geschickt am Protagonisten Bean, der sich die Spiele aus Nervosität und Aberglauben nicht anschaut. Der Fokus liegt auf der detaillierten Beobachtung der Arbeit in den Hinterzimmern des Stadions. Wenn Bean und Brand unter Hochdruck um Spieler feilschen und dabei wild mit einer Vielzahl von Telefonen hantieren, bereitet das großen Spaß, auch wenn man nicht viel von Baseball versteht und den Wortgefechten nur schwer folgen kann. In diesen Szenen ist der fulminante Stil Aaron Sorkins zu erkennen, der das Drehbuch nach mehreren Entwicklungsphasen umgeschrieben hat. Auch die Schauspieler machen Freude. Brad Pitts Manierismen und das immer wieder fast unmerklich aufblitzende schelmische Grinsen, das ihm anderswo den Anschein des Dümmlichen verleihen mag, passen hier. Wie er als Billy Bean bei nahezu jeder Gelegenheit nervös Junk Food in sich hineinstopft, ist fantastisch. Jonah Hill bietet den überwältigenden Gegenpol. Er spielt Peter Brand mit der von ihm gewohnten stoischen Zurückhaltung und beweist sein Können jenseits der Komödie.

Der Film beruht auf dem erfolgreichen Buch »Moneyball – The Art of Winning an Unfair Game« des Journalisten Michael L ewis, das sich mit dem real existierenden Billy Bean und dessen Umsetzung der »sabermetrics « beschäftigt, einem Ansatz zur Auswertung komplexer Statistiken, um Spieler objektiver und differenzierter beurteilen zu können. Es gelingt, dem trockenen Thema eine große Portion Leben einzuhauchen. Der Grundgedanke wird klar definiert und weist weit über den Kosmos des Baseball hinaus. Durch die reduzierte Inszenierung wird es leichtgemacht, den Weg und die Probleme Billy Beans und seiner Idee assoziativ auf andere Bereiche – man denke an Fußball, Personalmanagement oder Politik – zu übertragen. Es geht um das Erkennen eingefahrener Strukturen, die Entwicklung alternativer Blickwinkel und Werte und ihre Durchsetzung gegenüber der Macht der Routine.

Moneyball verschreibt sich nicht vollends der Dramaturgie des Sportfilms, an dessen Ende der große Erfolg steht, aber wie in der klassischen Heldengeschichte setzt Billy Bean voller Überzeugung, Ambition und Risikobereitschaft alles auf die Umsetzung seiner Ideale. Die spärlichen Nebenhandlungen konzentrieren sich einzig auf seine Person. Neben der Beziehung zur Tochter blitzt zwischendurch seine Vergangenheit – die Spielerkarriere, die trotz großer Vorschußlorbeeren gescheitert ist – in kurzen Sequenzen auf und verdeutlicht seine Motivation. Bei all dem bleibt das Pathos nicht aus, wird aber, wie der Humor, überzeugend eingebettet. Im Ganzen ist Moneyball zwar etwas lang geraten, nichtsdestotrotz aber ein spannender Film, der intelligent geschrieben und gut gespielt, in sehr solider Hollywoodmanier einem potentiell langweiligen Thema eine Geschichte voller universaler Ideen entlockt. »Nobody reinvents this game.« 2012-01-27 16:49

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap