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My Reincarnation

CH/NL/I 2010. R,B,K: Jennifer Fox. S: Sabine Krayenbühl. M: Moe Jaksch, Jan Tilman Schade. P: Zohe Filmproductions, Lichtblick Film, Ventura Film, VIVO u.a.
100 Min. W-Film ab 2.2.12

Papa ist der Beste?

Von Nils Bothmann My Reincarnation war für die amerikanische Dokumentarfilmerin Jennifer Fox ein unglaubliches Unterfangen: Rund 20 Jahre lang, von 1988 bis 2009, begleitete die Regisseurin den tibetanischen Buddhismus- Lehrer Namkhai Norbu Rinpoche, filmte in über 17 Ländern und schnitt das Material nun zur vorliegenden Dokumentation. Der Schwerpunkt des Films liegt auf der Beziehung zwischen Rinpoche und seinem Erstgeborenen Yeshi, den der 1959 aus dem besetzten Tibet Geflohene mit seiner italienischen, katholischen Ehefrau zeugte, die er kennenlernte, als er sich in Europa niederließ. In seinen Jugendjahren lehnt Yeshi den Vater und dessen Lehren ab, möchte lieber ein ganz normaler italienischer Jugendlicher sein.

Fox’ Entschluß, das Material chronologisch zu ordnen, ist nachvollziehbar, baut diese Struktur immerhin eine Form von Grundspannung auf: Wird Yeshi die Abkanzelung von seinem Vater über die Jahre hinweg beibehalten? Falls es ein Umdenken bei ihm gibt, wie wird dieses aussehen? Hinzu kommt der titelgebende Faktor, daß Yeshi als Wiedergeburt von Rinpoches Onkel, ebenfalls ein buddhistischer Lehrer, angesehen wird, also ein Würdenträger in den Augen jener Lehren wäre, die er in jungen Jahren ablehnt. Leider kann My Reincarnation über diesen Punkt hinaus kaum Zuschauerinteresse generieren. Als informativer Film über Buddhismus und die Verbreitung der von Rinpoche unterrichteten Dzogchen-Lehre werden diese Themen nicht eingängig genug behandelt, als Studie des Vater-Sohn-Konflikts fehlt die nötige Intimität. Rinpoche salbadert eigentlich bloß buddhistische Weisheiten in die Kamera, bleibt ein Enigma für das Publikum, die Privatperson dahinter lernt der Zuschauer nur über die Aussagen Yeshis kennen. Yeshi ist darüber hinaus beinahe die einzige Person, die von Fox wirklich interviewt wird, andere kommen bestenfalls kurz zu Wort, vieles wird allein aus seiner Sicht geschildert. Doch Yeshi bleibt in den meisten Interviews distanziert, manche der angeblichen Alltagsaufnahmen wirken gestellt, weshalb My Reincarnation ein wenig die benötigte persönliche Note fehlt.

Am unterschiedlichen Aussehen des Materials lassen sich die technischen Verbesserungen im Kamerabereich während der letzten 20 Jahre ablesen, ein sichtbarer Beweis der Mammutarbeit hinter dem Projekt, die Montage des Gefilmten ist routiniert, verweigert sich aber jedem Experiment. Es scheint beinahe so, als habe das über zwei Jahrzehnte hinweg gefilmte Material nicht genug für einen wirklich herausragenden Dokumentarfilm abgegeben, Fox dann aber My Reincarnation geschnitten, damit der immense Aufwand nicht ganz umsonst war. Das Endergebnis ist handwerklich saubere Routine, die Entstehungsgeschichte aber fast interessanter als der fertige Film. 2012-01-27 07:51

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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