— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Let Me In

GB/USA 2010. R,B: Matt Reeves. K: Greig Fraser. S: Stan Salfas. M: Michael Giacchino. P: Hammer Films, Overture Films. D: Chloë Grace Moretz, Kodi Smit-McPhee, Richard Jenkins, Elias Koteas, Cara Buono, Sasha Barrese, Dylan Kenin, Chris Browning u.a.
119 Min. Wild Bunch ab 15.12.11

Romeo im blutigen Roggen

Von Arezou Khoschnam Es gibt offensichtlich keinen Weg an ihnen vorbei. Vampir-Filme haben im aktuellen Jahrtausend Hochkonjunktur, sowohl im Fernsehen als auch im Kino, und ein Ende dieses Trends ist alsbald nicht in Sicht. Allen voran hat die Verfilmung der Twilight-Trilogie weltweit wahre Begeisterungsstürme unter den jugendlichen Zuschauern ausgelöst. Dabei darf man nicht vergessen, daß es Vampir-Filme mehr oder weniger schon immer gab, seit es Kinofilme gibt, man denke nur an Dracula, Frankenstein und Co. Der größte Unterschied allerdings zwischen den Blutsauger-Werken der älteren Kinogeschichte und den Vampir-Blockbustern des 21. Jahrhunderts liegt wohl in der Stilisierung der Figuren. Die jüngeren Produktionen konzentrieren sich leider vornehmlich darauf, die Figuren zu leblosen Ikonen der gegenwärtigen Popkultur zu erhöhen und vernachlässigen dabei die Dramaturgie. So auch in der Twilight-Saga, die im Grunde nur eine simple Liebesgeschichte in Vampir-Gewand und Serienqualität bietet, verfeinert mit durchaus spannenden animierten Szenen. Es braucht jedoch mehr als leichenblasse Gesichter und blutrote Lippen für einen ernstzunehmenden Vampir-Film.

Let Me In, das US-Remake des schwedischen So finster die Nacht (2008) von Tomas Alfredson nach dem gleichnamigen Roman von John Ajvide Lindqvist hingegen ignoriert diesen Figuren-Hype. Stattdessen besinnt sich der Film auf die sensible Profilierung der Protagonisten und weiß nebenbei auch noch zu schocken. Angesichts der Schar an Vampirplot-Aufgüssen der letzten Zeit verleiht Let Me In dem Vampir-Genre in jedem Fall ein erfrischendes Gesicht und erlaubt dem Zuschauer, sich wieder ganz neu auf das das Blutsaugerphänomen einzulassen.

Die Handlung spielt in den frühen 1980ern im schneebedeckten Los Alamos in New Mexico, wo zwei Kinder die Hauptcharaktere darstellen. Dieses dunkle, trostlose Nirgendwo ist das Zuhause des zwölfjährigen Owen. Der zurückgezogene Sonderling hat keine Freunde und in der Schule wird er die meiste Zeit nur gehänselt oder drangsaliert. Als nebenan die gleichaltrige Abby mit ihrem Vater einzieht, entsteht inmitten der deprimierenden Tristesse ihrer Wohngegend zwischen den beiden Außenseitern allmählich eine enge Bindung, die in eine zarte Romanze mündet. Abby ermutigt Owen, sich gegen seine Peiniger in der Schule zu wehren. Im Gegenzug gibt er dem Mädchen Geborgenheit. Aus den Kindern werden zusehends Erwachsene. Doch Abby hat ein furchtbares Geheimnis. Als Owen hinter ihre mysteriöse Schale blickt, stellt er fest, daß sie eigentlich ein Vampir ist und für die Mordreihe, die sich seit ihrem Einzug in der Stadt ereignet hat, mitverantwortlich zeichnet. Angesichts des »Bösen« steht Owen eine mehr als schwierige Reifeprüfung bevor. Er muß sich entscheiden, ob er zu Abby hält oder sich von ihr abwendet. Viel Zeit bleibt ihm nicht, denn der ermittelnde Polizist ist Abby immer dichter auf den Fersen.

Hier verweben sich drei Genres geschickt zu einem atmosphärisch dichten und gekonnt inszenierten Film mehrfarbiger Couleur. Let me in funktioniert unter anderem als Vampir-Thriller mit Horrorelementen, dessen schockierende Szenen teilweise mit einem nicht zu verachtenden Ekelfaktor aufwarten. Schon der Vorspann versetzt den Zuschauer in Alarmbereitschaft. Die Titel prangen in sattem Blutrot auf schwarzem Hintergrund auf der Leinwand. Dazu erklingen in wohldurchdachten Abständen schwere, dumpfe Töne, die eine latent unruhige und düstere Stimmung kreieren, die bis zum Ende des Films bestehen bleibt. Gleichzeitig erzählt der Film aber auch eine sanfte Liebesgeschichte, für die das Romeo und Julia-Motiv Pate steht. Eben eine Liebe, die über alle moralischen Grenzen hinaus und trotz aller Widerstände besteht. Die verstörende Romantik läßt den Zuschauer zwischen Rührung und Entsetzen zurück. Ebenfalls entfaltet sich der Plot zu einem Coming-of-Age-Drama mit dem klassischen David gegen Goliath-Muster. Jedes gute Werk läßt sich auf mehr als nur einer Ebene lesen. Für Matt Reeves, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, lag die größte Schwierigkeit wohl darin, diese unterschiedlichen Plots ohne störende Sprünge nebeneinander zu balancieren. Das ist ihm mit Sicherheit gelungen. Thriller, Romanze und Drama enthüllen aber jeweils so viel Eigenpotenzial, daß letzten Endes der leise Wunsch aufkommt, sich in drei unabhängigen Filmen separat auf sie einzulassen. 2012-01-23 17:05
© 2012, Schnitt Online

Sitemap