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Once Upon a Time in Anatolia

Bir zamanlar Anadolu'da. TR/BIH 2011. R,B,S: Nuri Bilge Ceylan. B: Ebru Ceylan, Ercan Kesal. K: Gökhan Tiryaki. S: Bora Göksingöl. P: Zeynofilm, 2006. D: Muhammet Uzuner, Yilmaz Erdogan, Taner Birsel, Ahmet Mümtaz Taylan, Firat Tanis, Ercan Kesal, Erol Eraslan, Ugur Arslanoglu u.a.
163 Min. Kinostar ab 19.1.12

Auf der Suche nach der Wahrheit

Von Moritz Pfeifer In Nuri Bilge Ceylans Once Upon a Time in Anatolia ist ein Konvoi von 14 Männern auf der Suche nach einer Leiche. Es handelt sich wohl um einen Mord. Die beiden Mordverdächtigen, Kenan und sein Komplize (dessen Name nie genannt wird), sind auch mit dabei. Anscheinend haben sie ihr Opfer neben einer Quelle begraben, aber da sie nicht mehr genau wissen wo, gilt es jetzt, jeden Brunnen in Anatolien abzuklappern. Zu Beginn des Films dämmert es bereits und man wird langsam müde.

Langsam vergeht auch die erste Hälfte des Films. Es wird wenig gesprochen, viel gefahren und vergeblich gesucht. Die Kamera bleibt meistens weit entfernt vom Geschehen, läßt die Figuren verloren in der Landschaft zurück. Nur allmählich lernen wir den skeptischen Arzt Cemal, den abergläubischen Staatsanwalt Nusret und den moralistischen Kommissar Naci kennen. Den Staatsanwalt plagt sein Gewissen. Seine Frau hat vor einigen Jahren den genauen Zeitpunkt ihres Todes angekündigt und ist daraufhin tatsächlich an jenem Tag gestorben. Diese Geschichte erzählt er dem Arzt, allerdings verändert er sie ein wenig, indem er sich und seine Frau mit einem befreundeten Ehepaar verwechselt. Sichtlich schämt sich der Staatsanwalt vor der Überzeugung, daß es sich bei dem Schicksal seiner Frau um das Wunder einer Prophezeiung handele. Dann wird das Gespräch durch das Weiterfahren der Suchtruppe unterbrochen.

Beim nächsten Halt, vielleicht aus beruflicher Verantwortlichkeit, kommt der Arzt auf die Unterhaltung zurück und versichert dem Staatsanwalt zunächst, daß jeder Tod eine Ursache hat. Eine Autopsie war nicht nötig, beteuert der Staatsanwalt auf das Fragen des Arztes, da jedem klar war, daß es das Schicksal war. Allerhöchstens Herzversagen, wenn man es unbedingt medizinisch umschreiben will. Es gibt aber auch Ursachen für Herzversagen, antwortet daraufhin der Arzt, Tablettenmißbrauch zum Beispiel. Ob der Staatsanwalt mit seiner Erzählung des Arztes mystische Zustimmung sucht oder ob er nicht von ihm eine Wahrheit erfahren will, die er sich selbst nicht eingestehen kann, ist ungewiß. Die Suche nach der Wahrheit aber, nach dem mystischen Tod der Frau, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Sie wird immer wieder durch die Suche nach der Leiche unterbrochen oder ergänzt, denn hier wie dort gilt es aufzudecken.

Je näher der Suchtrupp seinem Ziel kommt, desto näher kommt auch der Staatsanwalt dem Geständnis, daß die Prophezeiung seiner Frau die Verkündigung ihres Selbstmords war, eine Rachetat, denn Nusret hatte sie mit einer anderen Frau betrogen. Das Motiv des Mörders Kenan hat möglicherweise ähnliche Gründe. Anscheinend hat er mit der Frau des Opfers ein Kind gezeugt. Doch während der Arzt die Frage nach der Todesursache von Nusrets Frau aufklärt, verheimlicht er die Todesursache des Opfers. Er verschweigt im Protokoll der Autopsie, daß der Tote lebendig begraben wurde.

Für den Staatsanwalt ist das Verstecken der Wahrheit eine Reaktion auf seine Scham, vielleicht sogar auf eine gefühlte Mitschuld an dem Tod seiner Frau. Er ist der dostojewskische Vater, der sich eine Geschichte erzählt, um fortan in ihr, nicht in der Realität zu leben (Sosimas Rede an Fjodor Karamzov). Er hält die Wahrheit vor sich selbst geheim. Der Arzt versteckt die Wahrheit, um die verbleibende Frau vor noch mehr Leid zu bewahren oder vielleicht, um nicht noch mehr Hass zu schüren, wo grauenhafte Zusatzinformationen keine juristischen Konsequenzen mehr tragen. Er hält die Wahrheit vor der Welt geheim, um sie zu behüten wie eine Mutter. So hat am Ende der Arzt viel mehr mit der Mystik des Staatsanwaltes gemein als sein naturwissenschaftliches Denken ihm erlaubt. Während Nusret an das Gute nur in seinen erlogenen Erzählungen festhält, versucht der Arzt, es in der Welt zu verwirklichen.

Ceylans große Kunst ist es, die Eigenschaften seiner Figuren miteinander zu verknüpfen. Tatsächlich ist er in dostojewskischer Tradition, wo es keine Typen gibt, sondern nur Individuen, deren widersprüchliche Positionierung trügt, denn in Wirklichkeit läßt sich an jeder Stelle beobachten, wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Der russische Philosoph Bakhtin spricht in ähnlicher Weise von Dostojewskis Polyphonie. Ceylans Film sollte man nicht weniger Aufmerksamkeit schenken. In ihm vereinigen sich die Widersprüche der Menschen zu harmonischer Einheit. 2012-01-23 16:19
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