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The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten

The Descendants. USA 2011. R,B: Alexander Payne. B: Nat Faxon, Jim Rash. K: Phedon Papamichael. S: Kevin Tent. P: Ad Hominem Enterprises. D: George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer, Matthew Lillard, Nick Krause, Amara Miller u.a.
110 Min. Fox ab 26.1.12

Die Familie als Inselgruppe

Von Daniel Bickermann Wenn (laut Takeshi Kitano) das Geheimnis wahrer Coolness darin liegt, zugleich das Coolste und das Uncoolste zu machen, was man sich vorstellen kann, dann liegt das Geheimnis der Tragikomödie vielleicht darin, zugleich das Tragischste und das Komischste abzubilden, was denkbar erscheint. Im Falle von Alexander Paynes The Descendants bedeutet das: einem liebevollen Ehemann, dessen Frau nach einem Bootsunfall im Koma liegt, mitzuteilen, daß diese ihn schon länger betrogen hat – und ihn dann mit Badeschlappen und im Hawaiihemd hektisch eine Straße hinunterwatscheln zu lassen.

Payne widmet sich also wieder seinem großen Thema, der Krise des modernen Mannes, die so weit fortgeschritten ist, daß es ihm selbst in der gerechten Wut nicht mehr gelingen mag, seine Würde zu behaupten. Wie Paul Giamatti in Sideways und Jack Nicholson in About Schmidt ist auch George Clooney (dessen Figur ironischerweise den würdigen Namen Matt King trägt) ein angegrautes männliches Relikt in hilfloser Panik: Jeder Traum von Autorität gegenüber seinen Töchtern oder eben von Würde im Moment großer Tragik ist längst verloren. Noch schlimmer: Als Vorstand einer Gruppe titelgebender Erben, die ein Stück unberührter Natur auf Hawaii verwalten und demnächst verkaufen, muß er selbst erkennen, daß aus den einst stolzen männlichen Entdeckern und Abenteurern inzwischen ein Haufen bierbäuchiger und größtenteils arbeitsloser Hawaiihemdenträger geworden ist, die sich auf den Lorbeeren früherer Generationen ausruhen. Für Matt King geht es, stellvertretend für den modernen Mann, nur noch ums nackte emotionale Überleben zwischen starken, rätselhaften Frauen und einer verlockenden, gefährlichen Landschaft, die ihm in einem sehr aussagekräftigen Moment in Form einer Grasnarbe bis knapp unter die Nase steht. Wieder einmal also portraitiert Payne einen Mann, der auf festem Land gegen das Ertrinken kämpft. Clooney spielt diesen modernen Midlife-Hamlet mit einer erstaunlichen und zutiefst bewegenden Verletzlichkeit – der sonst gerne so souveräne Darsteller läßt keinen Zweifel an der sympathischen Überforderung seiner Figur angesichts der überwältigenden beruflichen und familiären Verantwortung. Seine Odyssee auf der Suche nach einem neuen moralischen Zentrum wird dabei zu einem Inselhopping der Absurditäten, während die Familie versucht, den anstehenden Tod der Mutter zu verarbeiten.

Der Film beginnt beinahe prosaisch mit einer Fülle an Voice-Over-Erzählungen und lediglich illustrativen Bildern, bis etwa zur Halbstundenmarke die filmische Narration unmerklich überhandnimmt. Daß diese Darstellung des Lebens als Aneinanderreihung komischer Demütigungen und kurzer Momente der Erhabenheit in The Descendants vielleicht noch pointierter gelingt als in den Vorgängerfilmen, liegt zum einen an der zügigen Romanvorlage von Kaui Hart Hemmings, die mit einer Fülle skurriler Nebenfiguren die zerbrechliche Tonalität zwischen Komik und Tragik stützt. Aber auch inszenatorische Glücksgriffe wie die Entscheidung, nur landeseigene Musik mit wimmernden Steel Drums, jaulenden Hawaii-Guitars und jodelnden Sängern zu verwenden, unterstreicht die anvisierte groteske Alltagsstimmung, die abwechselnd absurd komisch und sehr, sehr traurig ist. Wie einst Ozu zelebriert Payne dabei die Vergänglichkeit und Unausweichlichkeit des ewigen Wandels mit langen, kontemplativen Bildern – was bei Ozu rauchende Schornsteine und im Fluß treibende Gräser waren, sind hier einsame Treppenhäuser, fließendes Wasser und vorüberziehende Wolken.

Der eigentliche Zauber der Filme Paynes sind jedoch seine Figuren. Alle Charaktere geben das distinkte Gefühl, ein komplettes Leben auch außerhalb der Leinwanderzählung zu führen, und sie alle, die alten Haudegen Beau Bridges und Robert Forster ebenso wie die designierten Knallchargen Matthew Lillard und Nick Krause, erhalten mindestens eine hochemotionale Szene, die einen Einblick in eine tiefere Wirklichkeit hinter der Typisierung gewährt. Erstaunlich, wieviel Empathie man beispielsweise mit dem sadistischen alten Ekel von einem Schwiegervater aufbauen kann, indem man ihn einfach mal hemmungslos weinend zeigt. Paynes virtuoser Balanceakt der Stimmungen macht diesen Film meisterlich, aber erst diese tief empfundene Menschenliebe macht ihn auch im Wortsinne wirklich gut. 2012-01-20 17:56

Abdruck

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