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Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers

Arirang. ROK 2011. R,B,K,S: Kim Ki-duk.
100 Min. Rapid Eye Movies ab 26.1.12

Kim Ki-Duk?

Von Werner Busch Die ganze Filmwelt wartete nach drei Jahren künstlerischen Schweigens gespannt auf einen neuen Film von Kim Ki-Duk. Meint Kim Ki-Duk zumindest in seinem ersten Dokumentarfilm, der ihn selbst, Kim Ki-Duk, zum Gegenstand hat. Ungewöhnliches gibt es in Kim Ki-Duks neuem Film zu sehen: Etwa Kim Ki-Duk, der sich einen früheren Kim-Ki-Duk-Film anschaut, in dem Kim Ki-Duk die Hauptrolle spielt. Die gezeigte Szene mit Kim Ki-Duk bedrückt Kim Ki-Duk sehr und er weint hemmungslos. Das entscheidende Detail: Während all dessen sehen wir im Hintergrund Kim Ki-Duks Computer, dessen Desktop-Hintergrund von einem Kim Ki-Duk-Wallpaper geschmückt wird, gut erkennbar an den großen Lettern »Kim Ki-Duk«. Ein treffendes, weil unabsichtliches Bild. Vermutlich.

Der beinahe tödliche Unfall einer Darstellerin während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film Dream stürzte Kim in eine tiefe Depression. Unfähig, an einem neuen Kinoprojekt zu arbeiten, drehte der Festivalliebling in den Winterwochen um den Jahreswechsel 2010/2011 das Material für diesen obskuren Selbstfilm, das Portrait eines kranken Menschen. »Ich kann gerade keine Filme machen. Also filme ich mich selbst.« Kim zeigt sich als Eremit, der in einer kalten Hütte den Erinnerungen an seine Karriere nachhängt. Den Tag bestreitet er mit meditativer Nahrungsaufnahme und dem filigranen Bau von Espressomaschinen. Abends betrinkt sich der verlottert aussehende Regisseur und dreht Interviews mit sich selbst, voller tränenreiche Selbstanklagen und -beschwörungen.

Bislang wirkte Kim mit seinem alterslosen Äußeren immer wie ein der Welt Entrückter mit interessanter spiritueller Geisteshaltung. Dieses äußere Bildnis wird durch den depressiven Kim, den wir in Arirang erleben, atomisiert. Neben der schmerzhaft anzuschauenden stupiden Selbstverzweiflung verstören nachhaltig seine gezeigten Bemühungen, sich die Krankheit herauszuexorzieren. Sie offenbaren den scheinbar einzigen Beweggrund für sein Filmschaffen: Preise gewinnen und den eigenen Namen lesen. Alles was Kim am Leben hält ist Geltungssucht und Egomanie. Man möchte mit Schiller sprechen: »Laßt ihn hinfahren! Es ist die Großmannsucht. Er will sein Leben an eitle Bewunderung setzen.«

Arirang ist ein an Obszönität grenzendes intimes Selbstbildnis eines kranken Egomanen, ein in vielerlei Hinsicht überaus schwieriger und problematischer Film. Auch wenn Kim Meta-Ebenen einstreut, indem er sich beispielsweise lachend beim Sichten von besonders tränenreichen Selbstinterviews zeigt, insgesamt bleibt man vor allem peinlich berührt. Entblößter hat man vielleicht noch keinen Menschen in der schwierigsten Phase seines Lebens auf Film gesehen. Zumindest nicht im eigenen Film. Das macht Arirang einmalig und somit sehr interessant. Aber: Der Film ist das Resultat einer Depression, nicht ihrer Überwindung. Inwiefern führte die Krankheit hier Regie? Kann man sich bei einem Kinobesuch fühlen, wie beim Gaffen an der Unfallstelle? Und – viel wichtiger: »Kann dem Mann geholfen werden?« 2012-01-20 14:04

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