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Michael

A 2011. R,B: Markus Schleinzer. K: Gerald Kerkletz. S: Wolfgang Widerhofer. P: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion. D: Michael Fuith, David Rauchenberger, Christine Kain, Ursula Strauss, Viktor Tremmel, Xaver Winkler, Thomas Pfalzmann, Gisela Salcher u.a.
96 Min. Fugu ab 26.1.12

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Von Carsten Happe Fast könnte man auf den Gedanken kommen, für ein ganzes Land, nämlich Österreich, ein psychopathologisches Profil erstellen zu wollen, und Michael, das Regiedebüt des ehemaligen Casting Directors von Michael Haneke, wäre ein weiteres bestätigendes Puzzleteil in diesem wenig charmanten Profil. Nach Natascha Kampusch und Josef Fritzl, nach den Ulrich-Seidl-Filmen, von denen Hundstage und Import/Export lapidar gesagt noch zu den harmlosesten gehören – und der Tatsache, daß Seidl seit einigen Jahren an einer Dokumentation mit dem bezeichnenden Titel Im Keller arbeitet, in der er das Eigentümliche an österreichischen Kellern herausstellen möchte, falls es das denn gibt – fügt sich Michael in eine gewisse Traditionslinie, die das so verträumt wirkende Alpenland seit geraumer Zeit sehr beunruhigend erscheinen läßt.

Kurzum: Es geht einmal mehr um Mißbrauch und um Keller, verpackt in eine distanzierte, fast klinisch kalte Inszenierung, durch die sich die Geschehnisse mitunter noch furchterregender darstellen. Die äußerst verknappte Ankündigung für den Debütfilm, der überraschenderweise zum letztjährigen Wettbewerb in Cannes eingeladen wurde, deutete lediglich an, das Zusammenleben des zehnjährigen Wolfgang und des 35jährigen Michael zu beschreiben. Der Titel verweist bereits darauf, daß der Täter hier in den Mittelpunkt gestellt wird, und die Normalität, mit der Michael gezeichnet wird, ist bestechend und bestürzend zugleich: Er ist ein durchschnittlich erfolgreicher Versicherungsangestellter, er wird befördert, seine Kollegen laden ihn wie selbstverständlich zum Skiausflug ein. Natürlich ahnt niemand, daß dieser scheinbar so nette und zuvorkommende Junggeselle einen kleinen Jungen in seinem Keller gefangenhält und regelmäßig mißbraucht.

Michael Fuith spielt den Pädophilen mit, so seltsam das klingt, beeindruckender Präzision und Selbstbeherrschung. Nie gleitet seine Darstellung in eine Freakshow ab und ist durch die leisen Momente der Repression um so nachhaltiger erschreckend. Die wahre Entdeckung ist jedoch der junge David Rauchenberger in der Opferrolle, der sowohl die Abgestumpftheit des monatelangen Gefangenendaseins wie auch die nur kurz aufblitzende kindliche Hoffnung auf einen positiven Ausgang seiner verzweifelten Lage mit einer Abgeklärtheit spielt, die schier den Atem raubt.

Markus Schleinzer hat sich augenscheinlich eine Menge abgeschaut bei seinen vormaligen Arbeitgebern wie Michael Haneke, Jessica Hausner oder Ulrich Seidl. Er vermag es, die emblematischen Inszenierungen der ausgewiesenen Meisterregisseure perfekt zu reproduzieren, und verdichtet sie zu einem rasiermesserscharfen Porträt eines Monsters mit menschlichem Antlitz. Das ist durchgehend unbequem anzuschauen, aber in seiner Konsequenz auch ebenso faszinierend wie verstörend, denn seine wirkungsvollste Strategie ist die der Auslassung, die den wahren Schrecken erst im Kopf des Betrachters entstehen läßt. Nur äußerst selten entgleitet Michael die Kontrolle über die Situation, ebenso selten weicht Schleinzer von seiner distanzierten Beobachtung ab, erzwingt dann aber durch eine kluge Kadrierung oder Montage, daß sich das komplette Grauen außerhalb des Gezeigten abspielt und so je nach Disposition des Zuschauers eine eigene Monstrosität entfaltet.

Gerade dadurch, daß Michael weder moralisiert noch psychologisiert, daß er keine offensichtliche Erklärung anbietet, keine Rückblenden einer mitleiderregenden Kindheit instrumentalisiert, also letztlich keine Anzeichen für eine Unzurechnungsfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit bietet, bleibt der Film bis zuletzt so unbehaglich. Auch wenn das finale Bild zum denkbar klügsten Moment abblendet, lassen sich die folgende Fassungslosigkeit und das sprachlose Entsetzen problemlos weiterdenken, zu oft hat man die üblichen Reaktionen schon gehört: Er war so nett, so unscheinbar und normal. Aber eben auch fremd, und wer kann schon – außer im Kino – hinter die Fassade blicken. Frei nach Titus Maccius Plautus: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt. 2012-01-20 08:59

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