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The Artist

F/B 2011. R,B,S: Michel Hazanavicius. K: Guillaume Schiffman. S: Anne-Sophie Bion. M: Ludovic Bource. P: La Petite Reine, La Classe Américaine, JD Prod, Jouror u. a. D: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle u.a.
100 Min. Delphi ab 26.1.12

Honey, Let’s Go to the Pictures

Von Andreas B. Krüger Schwere Kost, so scheint es auf den ersten Blick. The Artist von Michel Hazanavicius begegnet dem Zuschauer auf der ganzen Linie als Schwarzweißstummfilm. Es bedarf einer üppigen Portion Motivation, sich diesem Film auszusetzen, genau so wie das Kratzen einer Schelllackplatte oder die Patina eines Ölgemäldes, die nicht automatisch Euphorie hervorrufen. Kein Breitbild oder überwältigender Surround Sound, und auch die Thematik will nicht recht in unsere Epoche passen. Hazanavicius dekliniert seine Idee mit einer beeindruckenden Entschlossenheit von Anfang bis Ende durch.

Schauspieler George Valentin (Jean Dujardin), seines Zeichens verglühender Hollywood-Star der 1920er Jahre, stemmt sich mit aller Macht gegen das Ende einer glorreichen Zeit und seiner Karriere. Valentin lebt in jener Epoche, in der Kinos noch Lichtspielhaus heißen, und sieht sich aufstrebenden Konkurrentinnen wie Peppy Miller (Bérénice Bejo) gegenüber, deren Charme weder er noch windige Hollywood-Produzenten widerstehen können – und er manövriert sich über alle Blindheit ins Verderben. Die dramaturgische Kurve ist zwar streckenweise vorhersehbar angelegt und deutlich im klassischen Hollywood-Schema verankert. Erfrischend ist jedoch, daß die Bilder nicht durch mittelmäßig geschriebene Dialogfetzen verstellt werden. The Artist hat diese Momente, in denen das Rascheln der Kleidung und das Atmen der Zuschauer im Kinosaal zu hören sind, weil die Musik einen Moment aussetzt und nicht das leiseste Geräusch die stillstehende Zeit füllt. Diese Art von Kino, zu oft ad acta gelegt oder ins Museum verbannt, darf zumindest für 100 Minuten wieder auferstehen. Verneigungen an die Kunst des Zwischentitels oder Ikonen jener Epoche wie Fred Astaire und Ernst Lubitsch fehlen ebenfalls nicht.

Mit klarer Figurenzeichnung, einem liebevoll betreuten Szenenbild und der Konsequenz der eingesetzten filmischen Mittel stülpt Hazanavicius dem Zuschauer die fast schon in Vergessenheit geratene Stummfilmästhetik jedoch nicht über, auch kopiert er sie nicht aus einem übertriebenen Spieltrieb heraus für ein Liebhaberpublikum. Vielmehr öffnet er Türen, und schon dafür gebührt ihm Respekt. 2012-01-19 17:53

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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