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Tag und Nacht

A 2011. R,B: Sabine Derflinger. B,K: Eva Testor. S: Karina Ressler. M: Gilbert Handler, Petra Zöpnek. P: mobilefilm Produktion. D: Anna Rot, Magdalena Kronschläger, Philipp Hochmair, Martina Spitzer, Adrian Topol, Manuel Rubey, Martin Brambach, Kyrrre Kvam u.a.
101 Min. W-Film ab 19.1.12

Statt Kellnern

Von Christian Simon Manches auf der Welt ist nicht so leicht zu verstehen, zum Beispiel Filme aus Österreich. Die von Sabine Derflinger bilden da keine Ausnahme, denn sie läßt gerne Dinge offen, und das macht ihre Figuren meist sehr merkwürdig. Schon in Vollgas (2002) ließ sie eine junge Mutter aus unbekannten Gründen so gerne und so lange Partys feiern, bis diese fast dabei umkam. Ebenso unklar sind die Gründe, aus denen sich in Tag und Nacht zwei Studentinnen dazu entscheiden, bei einem Escort-Service zu arbeiten. Geld nimmt bekanntlich Sorgen, doch Hinweise darauf, wo die Sorgen von Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger) liegen könnten, bleiben im Verborgenen. Mit dem Münzwurf zugunsten des neuen Jobs eröffnet sich den beiden eine neue Welt, bewohnt von sexuell, sagen wir, kreativen Männertypen. Hanna und Lea sehen Prostitution als Abenteuer, allemal scheint es besser als für acht Euro die Stunde zu kellnern. Doch aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit resultiert das Gegenteil, die Auslieferung an alles Männliche, der die beiden anfangs noch mit verstörter Belustigung oder fast liebevoller Überlegenheit begegnen. Die Machtgefüge verschieben sich von Begegnung zu Begegnung, und man ahnt, gut enden wird das alles nicht.

Tag und Nacht konzentriert sich bewußt auf einen Ausschnitt aus dem Leben der Figuren, wobei das, was er zeigt, in etwa so wichtig ist wie das, was er ausläßt. Sabine Derflinger bemüht sich um einen filmisch nüchternen Blick auf die Geschehnisse, was auch dank der Schauspielleistungen sehr stimmig wirkt. Selten sucht die Kamera Großaufnahmen, noch seltener wird nicht-diegetische Filmmusik eingesetzt. Die Inszenierung will Nacktheit – auch im übertragenen Sinn, in der Reduktion der Figuren auf ihre Funktion. Weniger wichtig scheint, warum etwas getan wird. Mehr, daß es passiert und was für die Beteiligten daraus folgt. So entwickeln sich eine eigenwillige Erzähldynamik und eine unkonventionelle, auf die Katastrophe zusteuernde Dramaturgie. Daß Sabine Derflinger gerne Dinge offen läßt, mag ihre Figuren tatsächlich merkwürdig machen, ihrem Film aber tut es nur gut. 2012-01-16 09:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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