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Empire Me

Empire Me – Der Staat bin ich! A/L/D 2011. R,B: Paul Poet. K: Heinzi Brandner, Gerald Kerkletz, Jerzy Palacz. S: Karina Ressler. M: Alexander Hacke. P: Navigator Film Produktion KEG, Minotaurus Film, Gebrüder Beetz Filmproduktion.
99 Min. RealFiction ab 19.1.12

Die Würde, bei sich selbst zu sein

Von Marieke Steinhoff »Hyperflexibilität«, »Stress«, »Entfremdung« und »Burnout« sind beliebte Schlagtotwörter einer überfunktionierenden, übererklärten Gesellschaft, die zwar ein allgemeines Unbehagen verspürt, aber keine Energie mehr aufbringt, für alternative Freiräume jenseits politischer, materieller und sozialer Zwänge zu kämpfen.

Woran krankt der Mensch? Und wie könnte sie aussehen, die Gesellschaft der Zukunft? In seiner Dokumentation Empire Me macht sich Regisseur Paul Poet auf die Suche nach möglichen Gegenentwürfen zu unserer schnellebigen, globalisierten Welt. Und findet selbsternannte Fürstentümer vor der Ostküste Englands und im australischen Outback, ein »esoterisches Disneyland« in Italien, einen »geilen, raschelnden Menschenwald« in der Nähe Berlins, anarchistische Post-68er in Kopenhagen, Punkkünstler auf selbstgebauten Flößen vor Venedig – allesamt skurrile Gegengesellschaften, in denen sozialpolitische Ordnungen neu verhandelt werden.

Vorurteilsfrei, neugierig und mit großer Sympathie für seine Protagonisten schafft es Empire Me, seine sechs Beispiele alternativen Zusammenlebens aus einer unangestrengt wirkenden, emischen Perspektive heraus zu beschreiben. Musik, Schnittfrequenz und Farbgebung variieren von Gegenwelt zu Gegenwelt und scheinen sich den jeweiligen Visionen der Aussteiger anzupassen, sodaß man das Gefühl bekommt, mit den Augen der Protagonisten auf »ihre« Welten zu blicken. Zusammengehalten werden die einzelnen Kapitel durch Übergangs-Collagen mit Off-Kommentar, dessen bemüht philosophisch-poetischer Tonfall allerdings teilweise eher verstört denn erhellt.

Kritische Distanz wie auch klare Stellungnahmen läßt Empire Me insgesamt vermissen, und je nachdem, wie sehr oder wie wenig man als Zuschauer mit den jeweiligen Gegenwelten sympathisiert, mag dies stören und auch ärgern. Aufschlußreich sind die Einblicke allemal, verdeutlichen sie doch, wie sich Gesellschaften alleine durch einen gemeinsamen Bedeutungshorizont legitimieren können, und wieviel Arbeit, aber auch Momente des Glücks darin liegen, sich seine Welt nach den eigenen Visionen und entgegen aller normativen Widerstände einfach selbst zu bauen. 2012-01-16 07:53

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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