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Kriegerin

D 2011. R,B: David Wnendt. K: Jonas Schmager. S: Andreas Wodraschke. M: Johannes Repka. P: Mafilm. D: Alina Levshin, Jella Haase, Sayed Ahmad, Gerdy Zint, Lukas Steltner, Uwe Preuss, Winnie Böwe, Rosa Enskat u.a.
106 Min. Ascot Elite ab 19.1.12

Gänsehaut

Von Arezou Khoschnam Leicht verfällt man dem Glauben, die Expansion einflußreicher rechter Gruppierungen könne man vermeiden und Verbrechen an Ausländern kämen nur noch vereinzelt vor. In der Regel glaubt man so lange an etwas, bis die Realität selbst einen einholt. So erst jüngst in Deutschland geschehen, wie der Fall der Zwickauer Terrorzelle zeigte.

Eine solche Dimension hatte man vorher in Deutschland ausgeschlossen. In einem Land, das nach über sechzig Jahren noch immer die Konsequenzen seiner Greueltaten im Zweiten Weltkrieg trägt, einem Land, dem kein Nationalstolz erlaubt zu sein scheint, einem Land, dessen Bildungssystem durch intensive Aufklärung eine Wiederholung seiner Geschichte zu verhindern sucht. Die erschreckenden Fakten lachen uns nun dreist ins überraschte Gesicht.

Aktueller hätte das Thema von David Wnendts Film nicht sein können. Kriegerin taucht tief in die rechte Szene ein, so tief, daß es weh tut, und zeigt dem Publikum das, wovor es am liebsten die Augen verschließen würde: Nationalsozialistisches Gedankengut und Fremdenhaß sind alles andere als ausgestorben. Stattdessen fristen sie ein unsichtbares Dasein inmitten unserer Gesellschaft.

Wnendt wählt einen weiblichen Neonazi als Hauptfigur. Marisa arbeitet im Supermarkt in der ostdeutschen Provinz und hält ihrem trostlosen Dasein ihre politischen Ansichten entgegen. Stolz zeigt sie ihre Tattoos, darunter ein Hakenkreuz auf ihrer Brust. In ihrer blinden Wut fährt sie mit dem Auto zwei junge Afghanen auf dem Moped an. Daraufhin sucht einer der beiden sie auf und zeigt ihr mutig, daß er keine Konfrontation scheut. Allein durch seine Anwesenheit fordert er sie auf, sich mit ihm als Menschen auseinanderzusetzen. Aus Angst vor der Polizei sieht sie sich gezwungen, ihm zu helfen und bekommt so Einblick in seine mißliche Lage. Langsam beginnt sie, ihre Haltung zu reflektieren. Parallel hierzu erzählt Wnendt Svenjas Geschichte. Mit ihren erst 15 Jahren kommt die Einserschülerin in Berührung mit der rechten Szene und findet zunehmend Gefallen an den angestaubten Nazi-Parolen. Sie schließt sich Marisas Gruppe genau dann an, als Marisa dieser den Rücken kehren will.

Bei der Umsetzung eines solch brisanten Themas liegt die größte Schwierigkeit darin, eine Hauptfigur, für die man von Grund auf keine Sympathie empfinden darf, dem Publikum zugänglich zu machen. Eine weitere Hürde besteht im Gegenzug natürlich in der Vermeidung jeglicher Schönfärberei. Wnendt entscheidet sich für den direkten Weg und hält uns die häßliche Realität vor Augen. Er schickt Marisa pöbelnd durch den Zug und hält die Kamera auch dann drauf, als sie und ihre Freunde rohe Gewalt anwenden. Daneben aber zeigt er uns ihre Verletzlichkeit. Er zeichnet ein facettenreiches Porträt von Marisa, die von der wahnsinnig talentierten Alina Levshin grandios verkörpert wird. Marisa ist gleichzeitig Opfer und Täter und erhält genau dadurch Glaubwürdigkeit. Hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Empathie, Nähe und Distanz, findet der Zuschauer keine Ruhe.

Nach den neuesten Erkenntnissen über die Neonazis aus Zwickau suchen nun alle nach einem Schuldigen. Wnendt klagt nicht an, positioniert sich aber insofern, als daß er die Familie als Instanz mitverantwortlich macht. Die beiden Mädchen kommen jeweils aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, aber keine findet bei ihren Eltern die Geborgenheit und Anerkennung, die sie braucht. Marisas einzige Bezugsperson ist ihr todkranker Opa. Der allerdings vermittelt ihr schon als Kind seine antisemitischen Werte.

Kriegerin ist mutig, unmittelbar, authentisch und aufwühlend. Die Bedrohung, die von den Figuren ausgeht, sitzt dem Zuschauer noch lange über den Abspann des Films hinaus im Nacken und will nicht verschwinden. Daneben glänzt die technische Umsetzung. Eine Kamera, die mal ruhig ist, mal bewegt, aber immer eine angemessene Perspektive findet, trifft auf einen punktgenauen Schnitt und intelligente Dialoge.

Die Vergangenheit wird mit der Zeit nicht einfach ausradiert. Was noch wichtiger ist: Sie kann jederzeit wiederholt werden! 2012-01-15 15:48

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

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