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J. Edgar

USA 2011. R,M: Clint Eastwood. B: Dustin Lance Black. K: Tom Stern. S: Joel Cox, Gary Roach. P: Imagine Entertainment, Malpaso Productions. D: Leonardo DiCaprio, Josh Hamilton, Geoff Pierson, Cheryl Lawson, Kaitlyn Dever, Brady Matthews, Gunner Wright, David A. Cooper u.a.
137 Min. Warner ab 19.1.12

Fakten, Fakten, Fakten

Von Nils Bothmann Jede Biographie ist eine Interpretation der vorgestellten Person, die auf überlieferten Fakten basiert. In seiner »Underworld USA«-Trilogie (»American Tabloid«, »The Cold Six Thousand«, »Blood’s a Rover«) erzählt Schriftsteller James Ellroy nicht nur seine Version der politischen Geschehnisse im Amerika der 1960er und frühen 1970er Jahre, er stellt auch seine Interpretation von Schlüsselfiguren vor, die Ellroys Weltbild entsprechend wenig sympathische Zeitgenossen sind. Sein John F. Kennedy ist ein notorischer Schürzenjäger, sein Howard Hughes ein verrückter, dementer Größenwahnsinniger und sein J. Edgar Hoover ein voyeuristischer Fanatiker, dem das Anhäufen von Informationen eine fast sexuelle Befriedigung gibt. Leonardo DiCaprio hat Howard Hughes bereits in Aviator dargestellt, nun darf er als titelgebender FBI-Direktor in Clint Eastwoods J. Edgar glänzen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Biopics läßt J. Edgar immer noch viel Spielraum bei der Darstellung seiner Hauptfigur. Hoover bestreitet Robert Kennedy gegenüber die Existenz organisierten Verbrechens, so wie es überliefert ist, doch der Film läßt die Gründe dafür offen. Einige Historiker und Zeitzeugen behaupten, daß Hoover selbst auf der Lohnliste der Mafia stand, andere spekulieren, daß seine fanatische Kommunistenhatz ihn bezüglich anderer Themen ignorant werden ließ. Doch nicht nur der häufige Verzicht auf Eindeutigkeit, sondern auch die Erzählweise von Eastwoods Film sorgt bewußt für Leerstellen: J. Edgar konzentriert sich fast ausschließlich auf den Zeitraum von Hoovers Aufstieg beim Bureau of Investigation 1919 bis zu seinem Tod 1972, Kindheit und Jugend werden nur kurz in Rückblenden angerissen. Selbst in der Darstellung seines Wirkens beim FBI fokussiert Eastwood Einzelepisoden und Schlaglichter wie die Entführung des Lindbergh-Babys. Kenntnisse der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind dabei nicht zwingend erforderlich, aber durchaus hilfreich fürs Verständnis.

Doch trotz aller Leerstellen stellt auch J. Edgar eine Interpretation der Figur dar, zeichnet den mächtigen Behördenchef als im Kern verunsicherten Mann, der ebendies durch seine wortgewaltigen Reden, seine effektive Arbeit und seinen Fokus auf sein Spezialgebiet übertüncht. Die Welt abseits der harten Fakten irritiert ihn, eine Verabredung führt er nicht ins Restaurant, sondern in sein Karteikartenarchiv, ehe er ihr aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag macht – den sie ablehnt, aber stattdessen seine Sekretärin und Vertraute wird. Am eindeutigsten interpretiert der von Milk- Autor Dustin Lance Black geschriebene Film Hoovers viel diskutierte angebliche Homosexualität. Aus der Faktenlage (Hoover war nie verheiratet, lebte mit seinem Stellvertreter Clyde Tolson zusammen und ging sehr vertraut mit ihm um) deutet der Film Hoover als Homosexuellen, der sich nach Äußerungen seiner Mutter, sie könne es nicht ertragen einen Schwulen als Sohn zu haben, nie outet, die Gefühle für Tolson nicht auszusprechen wagt und mit diesem eine Art Liebesverhältnis bar jeder Körperlichkeit eingeht. Auch hier übt der Film also Zurückhaltung, wenngleich er den Gerüchten um Hoovers angebliches Crossdressing in einer bizarren (und nicht ganz zum Rest des Films passenden) Szene Tribut zollt, in der Hoover nach dem Tod seiner Mutter deren Kleid und Kette anzieht, als wolle Eastwood noch kurz auf Siegmund Freud sowie Psycho referieren.

Die Inszenierung schlägt ebenfalls nüchterne Töne an, Eastwood zeigt sich als durch und durch klassischer Filmemacher: Langsame Schnitte, ruhige Kamerafahrten und lange Einstellungen dominieren. Eastwood setzt nicht auf Schauwerte, eine in einer Totalen gefilmte Parade, eine Montage verschiedener Verhaftungen und die Darstellung eines Banküberfalls sind da Ausnahmen, meist fokussiert sein Period Piece das Zwischenmenschliche. Szenen mit mehr als zwei oder drei Personen bilden die Ausnahme, J. Edgar erzählt viel mehr von der Interaktion Hoovers mit seinen engsten Vertrauten, weniger von seinen öffentlichen Auftritten. Daß der famose DiCaprio dabei mit Judi Dench, Naomi Watts und Armie Hammer gleichwertige Spielpartner gefunden hat, trägt zum Gelingen dieses langsamen, fragmentarischen, aber dennoch spannenden Personenportraits bei. 2012-01-13 16:45

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