Verschossenes Pulver
Von Tim Lindemann
Komödie braucht Gegensatzpaare: Ob man als Regisseur nun Alte auf Junge, Chaoten auf Ordnungsfanatiker oder, wie Kevin Smith in
Clerks 2,
Star Wars-Fans auf
Herr der Ringe-Anhänger prallen läßt – um ein gepflegtes Feuerwerk der Komik abzubrennen, braucht man zunächst einmal Zündstoff. Eines der populärsten unter diesen dualistischen Konfliktherden ist das Zusammenprallen verschiedener gesellschaftlicher Klassen, grob gesagt: Arm und Reich. In Anne Fontaines Komödie
Mein Liebster Alptraum geschieht dieser Zusammenstoß mit möglichst eindeutiger Drastik: Da tanzt die versnobbte Kuratorin stockbesoffen im verdreckten Stripclub und der prollige Handwerker trinkt sündhaft teuren Wein »auf Ex«. Lustig ist das leider nur bedingt.
Agathe (Isabelle Huppert) ist reich, arrogant und zynisch; für ihren Ehemann (André Dussolier) hegt sie schon längst keinerlei Gefühle mehr, in ihrer Position als Museumskuratorin wird sie von ihren Angestellten aufgrund ihres cholerischen Temperaments gefürchtet. Zu ihrem Sohn, der von argen schulischen Problemen geplagt wird, hat sie ein beinahe distanziertes Verhältnis. Als sich der Junge mit dem hochintelligenten Sohn des rüpelhaften Handwerkers Patrick (Benoit Poelvoorde) anfreundet, gerät ihre Welt, ebenso wie die Patricks, plötzlich grundlegend aus den Fugen. Das Motiv der Gegensatzpaare zieht sich dabei durch die gesamte Figurenkonstellation des Films: Da sind zum einen Patrick und Agathe, die beiden Söhne sowie Agathes Ehemann und dessen junge Geliebte, eine hippieeske Naturfreundin. Die Charaktere zeichnet Fontaine, die sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, entsprechend diesem Schwarz-Weiß-Schema mit äußerst grober Hand: Über den Status einer reinen Karikatur kommt keine der Figuren hinaus.
Zu Beginn gelingen dem Film trotz oder gerade aufgrund dieser Simplizität einige komische Momente. Besonders Patricks derbe Unverschämtheiten und Vertraulichkeiten sorgen für mancherlei grotesk überzogene Situationskomik und brachiale, aber wirkungsvolle Kalauer. Bald wird jedoch deutlich, wie sehr das formelhafte Skript auf die Perfomances der durchweg guten Darsteller angewiesen ist, um den platten Dialogen und klischeehaften Szenen etwas Esprit zu verleihen – besonders Benoit Poelvoorde spielt den dauerbetrunkenen, prahlerischen Lebemann Patrick mit sichtlicher Freude am Krawall. Schwerer hat es da die üblicherweise grandiose Isabelle Huppert, die sich alle Mühe gibt, ihre undankbare Rolle mit Leben zu füllen – leider oftmals vergeblich. So wurde sie wohl offensichtlich von der Regisseurin angehalten, in der ersten Hälfte des Films wortwörtlich mit erhobener Nase umherzustolzieren, was die Figur der Agathe endgültig in den Bereich einer lieblosen Parodie stößt.
In der zweiten Hälfte des Films entgleiten der Regisseurin dann endgültig die narrativen Fäden: Nun wechselt der Plot von der reinen Betrachtung des gesellschaftlichen Zusammenstoßes zur detaillierten Darstellung des Beziehungswirrwarrs und scheitert dabei an den eigenen Ansprüchen. Plötzlich werden krampfhaft und bierernst die Themen Verantwortung und Selbstfindung in den Vordergrund gestellt, ohne daß Fontaine so recht weiß, wie sie das mit dem komödiantischen Grundanspruch des Films kombinieren soll. Auch ein passender Abschluß scheint Fontaine nicht eingefallen zu sein: So mäandert der Film schließlich vor sich hin, führt bis kurz vor Schluß noch neue, halbgare Einfälle und Figuren ein, um schließlich unvermittelt zu enden. Interessant ist dabei allerdings, wie konsequent und beiläufig
Mein liebster Alptraum die Auflösung eines normativen Familienbildes beschreibt und das Modell Patchwork-Familie als logischen Ausweg aus dem Konflikt zwischen Präkariat und Bildungsbürgertum postuliert. Ihr komödiantisches Schwarzpulver aber hat Fontaine spätestens verschossen, wenn aus dem komischen Konflikt schleichend zuckersüßer Konsens wird.
2012-01-13 15:00