— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen

D 2010. R: Marc Bauder. B: Dörte Franke, Khyana El Bitar. K: Daniela Knapp. S: Gergana Voigt. M: Paul Lemp. P: Frisbeefilms, Bauderfilm. D: Jacob Matschenz, Bernhard Schütz, Jenny Schily, Heinz Hoenig, Florian Renner, Jürgen Holtz, Franziska Wulf, Mario Pokatzky u.a.
92 Min. Filmlichter ab 12.1.12

»System«-Kritik

Von Sven Lohmann Marc Bauder hat vor seinem ersten Langspielfilm Das System insbesondere Dokumentationen gemacht wie etwa Jeder schweigt von etwas anderem, wo er mit heutigen Bundesbürgern über ihre Vergangenheit als verfolgte DDR-Dissidenten spricht. Die DDR-Vergangenheit ist, zumindest oberflächlich, das Thema auch bei Das System, einer Geschichte, die in Rostock spielt: Hier wird der zwanzigjährige Kleinkriminelle Mike (Jakob Matschenz) nach einem dämlich schiefgelaufenen Einbruch von seinem Opfer gestellt. Es ist der Local Player Böhm (Bernhard Schütz), der mit seiner Firma beim Bau der Gaspipelines aus Rußland mitabsahnen will und der früher in DDR-Zeiten mit Mikes Vater zusammen für die Stasi gearbeitet hat – bis dieser unter dubiosen Umständen in der Wendezeit im Dienst starb. Statt ihn anzuzeigen, will Böhm Mike nun aber als persönlichen Assistenten bei sich anstellen, gewissermaßen aus Nostalgie.

Die Beziehung um diese Mentorrolle, die Böhm für Mike einnimmt, ist der Kern von Das System, der überhaupt auf persönliche Themen viel Wert legt. Die Frage nach der unklaren Vergangenheit des ihm völlig unbekannten Vaters ist eine Feder, die Mike antreibt, trotz seiner anfänglichen Skepsis Böhm gegenüber – Böhm selber übernimmt nun die Vaterrolle, und bisweilen mutet der Film so am ehesten wie ein Buddymovie in Tatort-Optik an. Die Schattenseiten sind bei diesem generellen Willen zum persönlichen Konflikt unnötig und halbherzig aufgemachte Fässer: Der Alkoholkonsum der Mutter wird aufdringlich problematisiert; oder dann ist da einmal dieses Mädel aus dem Hotel, mit dem offenbar was geht, und von dem man dann doch nie wieder etwas hört, obwohl es eigentlich ganz nett war. Schade ist dieses taube Gestein in der Geschichte vor allem deshalb, weil Eile das vielleicht größte inszenatorische Problem des Films ist: Kaum eine Szene wird mal in Ruhe zu Ende erzählt, gerade als könnte man den Stoff nicht etwas komprimieren und sich dafür bei der wohltuenden Länge von 85 Minuten einfach auch mal etwas Zeit nehmen.

Es gibt dabei durchaus ein paar echt gelungene Szenen, wenn etwa Böhm im Streitgespräch spontan mit seiner Dienstwaffe Mike den Apfel aus der Hand schießt, den der gerade essen will. Oder wenn Heinz Hoenig sich in seiner Rolle als einflußreicher Wirtschaftskapitän nackt aus seinem Pool hievt. Der frische und unverdorbene Jakob Matschenz ist dabei alles in allem eine gute Nummer und spielt seinen hier eher aufgesetzten Partner Bernhard Schütz ohne weiteres an die Wand. Der mit Verlaub etwas aufgeplusterte Titel hingegen erweist sich als eher irreführend, das politische Thema begrenzt sich weitestgehend auf eine schmückende Funktion, auf Kulisse; eine tiefgreifende inhaltliche Auseinandersetzung mit alten Stasi-Seilschaften in der Industrie oder Kungeleien im Energiegeschäft findet kaum statt. Daß Das System sich publikumsträchtig als »Politthriller, deutsches Genrekino« ausschreit, damit trägt er denn doch ein wenig zu dick auf. 2012-01-09 10:54

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap