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Anne liebt Philipp

Jørgen + Anne = sant. N/D 2011. R: Anne Sewitsky. B: Kamilla Krogsveen. K: Anna Myking. S: Christoffer Heie. M: Marcel Noll. P: Cinenord Kidstory. D: Maria Tandero Berglyd, Otto Garli, Aurora Bach Rodal, Vilde Fredriksen Verlo, Kristin Langsrud, Peter Holene u.a.
86 Min. Farbfilm ab 12.1.12

9½ Jahre

Von Karsten Rohrbeck Anne ist kein Kind von Traurigkeit: Sie findet ihr Leben mit neuneinhalb Jahren toll, hat ein aufgeschlossenes, burschikoses Gemüt, super Freunde und keine Spur von Erwachsenenproblemen. Liebe ist so ein Problem: »Liebe ist was für Erwachsene. […] Wenn du liebst, bist du nicht mehr du selbst. […] Wie uncool!« Liebe aber kennt kein Alter; so wird Annes naive Haltung aus ihren Angeln gehoben, in diesem originellen Liebesfilm für Kinder, der auch ein Kinderfilm für Erwachsene ist.

Philipp zieht in die Nähe und kommt in Annes Klasse. Alle finden Philipp toll, auch Anne fühlt sich »innerlich ganz zittrig«. Was nach banaler Schulhofromanze klingt, wächst sich aus zu einem Mix aus Abenteuermomenten, schaurig-mystischen Horroreffekten und parodistischen Satireszenen inmitten einer berührenden Coming-of-Age-Geschichte. Natürlich steht, dem klassischen Drama gleich, bald alles auf dem Spiel. Das ist konsequent und mit Ernsthaftigkeit aus Annes Sicht erzählt, visuell so facettenreich, überbordend und aufwühlend wie Annes Gefühlswelt selbst. Annes Unschuld, Neugier und Vorstellungskraft bilden das Prisma, durch das uns die Regisseurin auf die »Odyssee erste Liebe« samt Zickenkrieg und Versöhnung blicken läßt.

Der deutsche Titel klingt brav für das, was wir erleben. Die Buchvorlage und der Film heißen im Original: »Jørgen + Anne = sant«. Die Formel macht deutlich wie rechtmäßig und unausweichlich Annes und Philipps gemeinsames Schicksal ist. Umso spannender ist es mitanzusehen, was Anne gegen ihre Konkurrentin Ellen, das Shampoo-Model, unternimmt, mit der schon jeder aus der Klasse zusammen war. Anne scheint nicht mehr sie selbst – hat eine fremde Macht von ihr Besitz ergriffen? Dieselbe Macht, die einst in Helga fuhr, die zur Strafe eingemauert wurde und nun in Philipps Haus die Wände bluten läßt? Oder ist es Helga selbst, die nun in Anne steckt?

Anne Sewitsky hat einen klischeefreien Film über das Erwachsenwerden geschaffen, der seine kindlichen Protagonisten mit ihren Problemen ernst nimmt. Die Stimmungswechsel wirken als Spiegelbild für Annes Seelenleben, auf das sich einzulassen lohnt! 2012-01-09 07:50

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #65.
© 2012, Schnitt Online

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