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Verblendung

The Girl with the Dragon Tattoo. USA 2011. R: David Fincher. B: Steven Zaillian. K: Jeff Cronenweth. S: Kirk Baxter, Angus Wall. M: Trent Reznor, Atticus Ross. P: Scott Rudin Productions, Yellow Bird Films. D: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Joely Richardson u.a.
155 Min. Sony Pictures ab 12.1.12

Gebrauchskino deluxe

Von Jochen Werner Der größte Kunstgriff David Finchers ist vielleicht gar nicht unbedingt in einem der zahlreichen inszenatorischen Kabinettstückchen seiner Filme zu erkennen, sondern mag darin bestehen, daß es ihm gelungen ist, Kinopublikum wie Filmkritik davon zu überzeugen, das Tränken seiner jüngeren Filme in schummrigbräunliches Halbdunkel weise automatisch auf Stil, Anspruch und Atmosphäre hin. Spätestens mit Zodiac ist der ehemalige Videoclipregisseur, der mit dem apokalytisch stilisierten Serienmörderfilm Sieben und der Literaturverfilmung Fight Club gleich zwei der definierenden Filme der 1990er Jahre vorgelegt hat, nämlich zur Galionsfigur eines ambitioniert-intelligenten Hollywood-Kinos überhöht worden – ein Status, den er nicht einmal nach dem in jeder Hinsicht mißratenen und intellektuell unübersehbar dünnen Pompöskitsch von Der seltsame Fall des Benjamin Button wieder einbüßen mußte.

Im entsprechenden formalen Gewand kommt nun auch Verblendung daher, Finchers Adaption von Stieg Larssons Kriminalroman »Män som hatar kvinnor«, übersetzt soviel wie »Männer, die Frauen hassen«. In dem Bestseller enthüllt der schwedische Autor durch die Augen seiner charismatischen Protagonisten, des investigativen Journalisten Mikael Blomkvist und der soziopathischen, aber genialen Hackerin Lisbeth Salander, ein dunkles Familiengeheimnis und kommt einem misogynen Serienmörder auf die Spur. Das größte Problem von Verblendung besteht nun freilich darin, daß Niels Arden Oplevs wohl nicht brillante, aber doch sehr brauchbare schwedische Erstadaption des Stoffes, die zuerst in den deutschen Kinos und etwas später dann in einer etwas längeren Fassung im TV zu sehen war, gerade einmal zwei Jahre alt ist und die Erinnerung bei manch einem interessierten Zuschauer noch frisch sein mag. Der Gebrauchswert der Neuadaption für ein amerikanisches Publikum, das allergisch auf nicht-anglophone Filme reagiert, liegt dabei auf der Hand, doch ist Finchers Verblendung auch dann sehenswert, wenn man mit Oplevs Version des Stoffes bereits vertraut ist?

Zunächst einmal kann festgehalten werden, daß Fincher recht nahe an der Vorlage agiert, von ein paar Glättungen auf das Hollywoodformat hin, vor allem gegen Ende, abgesehen. Diese bleiben jedoch durchaus in einem vertretbaren Rahmen, vor allem angesichts der aggressiven Bisexualität der ungewöhnlichen Heldin Lisbeth Salander, die auch in der US-Adaption durchaus erhalten bleibt. Zwar kommt die in Oplevs Film von Noomi Rapace wesentlich tougher angelegte Heldin in Finchers Version weicher und verletzlicher daher, was aber als durchaus legitime Deutung der Figur betrachtet werden muß. Zudem findet diese in Rooney Mara erneut eine charismatische und sehr präsente Darstellerin. Größere Änderungen am Stoff finden nicht statt, was ob der kraftvollen Vorlage positiv bewertet werden kann, aber auch zu der etwas absurden Konsequenz führt, daß Fincher den in Schweden verorteten Plot mit größtenteils anglophonen Darstellern besetzt, die sich als schwedische Protagonisten in englischen Dialogen mit schwedischem Akzent unterhalten. Eine kleine, aber hübsche Absurdität, in der Finchers detailbesessene Akkuratesse mit Hollywoods Amerikanisierungsdrang kollidiert und im Ergebnis funkelnden Irrwitz gebiert.

Im direkten Vergleich zu Oplevs Erstadaption fällt das Remake nicht ab, kann jedoch auch keinen unstrittigen Mehrwert kreieren: Während Finchers Version des Stoffes visuell etwas filmischer angelegt ist, gelingt es Oplevs geradliniger, rasanterer Adaption etwas besser, narrative Spannung zu generieren. Da die beiden von Daniel Alfredson inszenierten Fortsetzungen von Oplevs Verblendung das Niveau des ersten Films freilich nicht halten konnten, mag es der US-Adaption von Larssons »Millennium«-Trilogie im Folgenden vielleicht noch gelingen, die schwedischen Vorgänger spürbar zu überflügeln. Für sich stehend ist zwar Finchers Verblendung keineswegs zur Enttäuschung geraten, sondern als durchaus angemessene Verfilmung einer starken Romanvorlage zu betrachten. Wer allerdings die schwedische Adaption bereits kennt, für den gibt es im Grunde keinen einzigen nachvollziehbaren Anlaß, sich Finchers Verblendung, der letztlich doch vor allem ein luxuriöser Gebrauchsfilm für US-Kinogänger mit Untertitelphobie ist, nun auch noch anzuschauen. 2012-01-08 17:44

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